: Francesca Barra
: Der Zauber eines Sommers Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641222505
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wilde Landschaft, wunderschöne Küsten und ein folgenreiches Wiedersehen ...

Sommer, das ist die Zeit der Freiheit und des schwerelosen Glücks. Nicht so für Giulia und Lorenzo, denn die beiden müssen zwei lange Monate in Maratea verbringen, der Heimat ihrer Mutter, zu der sie keinerlei Bezug haben. Doch selbst sie bleiben nicht unberührt vom Zauber des Südens und der traumschönen Landschaft, wo wilde Lakritze wuchert und das tiefe Purpur des Oleanders leuchtet. Aber auch hier, mitten im Paradies, warten dunkle Erinnerungen, die von einer Liebe erzählen, die vor vielen Jahren drei Schwestern entzweit hat ...

Francesca Barra wurde in Policoro, einem Ort in der Provinz Matera, geboren. Sie arbeitet als Drehbuchautorin und freie Journalistin für Film, Fernsehen und Radio sowie für diverse Printmedien.Ein italienischer Sommer ist ihr erster Roman auf Deutsch.

Rossella

1


Wann wir aufgehört haben, glücklich zu sein, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich genau, dass die Zeit des Glücks unsere Kindheit war.

Damals riefen die Mütter die Namen ihrer Kinder bei jeder Gelegenheit, wenn sie etwas von ihnen wollten, laut aus den Fenstern oder zur Haustür hinaus. Meist klangen ihre Stimmen nicht gerade liebevoll, sie hörten sich eher nach einem Alarm der Feuerwehrsirenen an. Man fasste den Nachwuchs nicht mit Samthandschuhen an wie heute üblich.

Bereits am Tonfall hörte man, was sie von einem wollten. Sollte man so langsam nach Hause kommen, wurde der letzte Vokal unendlich lang gezogen: »Rossellaaaaaaaaaa.« Wurde hingegen jede Silbe knapp und kurz betont, als ob jemand einem auf die Schulter klopfte wie bei »Ros-se-lla«, dann war es ernst. Das war unumstößlich, da galt es keine Zeit mehr zu verlieren, und es war zwecklos, um Aufschub zu bitten. Musste man hingegen rasch zwischendurch etwas erledigen und durfte anschließend wieder zum Spielen zurück, lag der Akzent auf dem zweiten Vokal: »Rossè.«

Im letzten Fall wollte unsere Mutter Anna meist, dass wir in den Kurzwarenladen liefen, um einen Knopf zu besorgen, der ihr gerade fehlte, oder Garn, denn Mama war Schneiderin, die einzige Maßschneiderin in der Gegend. Manchmal schickte sie uns auch irgendwelche Lebensmittel kaufen. Solche Gänge erledigten wir besonders gerne, denn als Lohn winkten uns drei Bonbons. Eins für mich, eins für Beatrice und eins für Ida. Wir wickelten sie gleichzeitig aus, erfreuten uns an dem knisternden Geräusch des Papiers, das an das Plätschern des Regens erinnerte.

Allerdings waren wir weitgehend Selbstversorger. Wir hatten außerhalb des Dorfes ein Feld, das früher zum Bauernhof unserer Großeltern gehört hatte und das meine Eltern nach dem Tod des Großvaters behalten hatten. Dort standen jede Menge Obstbäume und -sträucher, dort wurde Gemüse angebaut, und dort hielten wir Hühner. Das Brot buken wir zu Hause, die Pasta machte unsere Mutter selbst. So war es damals üblich.

Eine besondere Attraktion war für uns Kinder der Markt, der alle zwei Wochen sonntags stattfand und auf dem man allerlei Trödel kaufen und verkaufen konnte. Wir taten Letzteres.

Auf einer kleinen wackeligen, weil dreibeinigen Kommode, die wir auf die Straße vors Haus schleppten, ordneten wir unsere Schätze an. Gerne hätten wir einen ordentlichen Tisch gehabt, aber Sachen, die noch im Gebrauch waren, durften wir nicht benutzen. Zu sehr fürchtete unsere Mutter, dass wir etwas kaputt machten.

Nicht einmal in der Wohnung war es uns erlaubt, etwas anzufassen. »Vorsicht, bleibt da weg«, hieß es ständig, außer wir mussten Staub wischen. Dann war das Verbot aufgehoben.

Dabei gab es so viele interessante Dinge zu bestaunen. Auf unseren Möbeln türmte sich Nippes aller Art: Bonbonnieren von Taufen und Kommunionfeiern, verschiedene Engel und Glöckchen, die auf Spitzen- und Klöppeldeckchen standen und vieles andere mehr. Die Aussteuer der Bräute aus mehreren Generationen schien dort versammelt, bewacht von streng blickenden Menschen auf alten Familienfotos, an deren Namen sich kaum jemand erinnerte, vor allem wir Kinder nicht.

Signora Maria, die Lehrerin, die ein paar Häuser weiter die Straße hin