»So geht das jetzt schon seit zwei Wochen«, sagt der Taxifahrer verdrossen. Es regnet in Strömen, ein silbriger, rauschender Vorhang, der alles Tageslicht verschluckt. Es ist erst zehn Uhr morgens, doch Linden kommt es vor wie eine feucht schimmernde Abenddämmerung. Der Fahrer sagt, er wolle endgültig weg von hier, fortziehen aus Paris, zurück in die warme Sonne seiner Heimat Martinique. Als der Wagen den Flughafen Charles de Gaulle verlässt und sich durch den Stau auf der Autobahn Richtung Paris und dann über den Ring um die Stadt quält, muss Linden ihm unwillkürlich recht geben. In den triefnassen Vorstädten drängen sich die trostlosen Umrisse würfelförmiger Gebäude aneinander, verziert mit grellen, im Regen flackernden Leuchtreklamen. Er bittet den Fahrer, das Radio einzuschalten, und der Mann macht eine Bemerkung über sein perfektes Französisch – »für einen Amerikaner«. Linden grinst. Das passiert ihm jedes Mal, wenn er nach Paris zurückkommt. Er sei Frankoamerikaner, antwortet er, in Frankreich geboren, französischer Vater, amerikanische Mutter, er spreche beide Sprachen fließend und vollkommen akzentfrei. Was sagt er dazu, hm? Der Fahrer lacht leise und fummelt am Radio herum. Nun, Monsieur sehe definitiv aus wie ein Amerikaner, nicht wahr, groß, sportlich, Jeans, Sneaker, ganz anders als die Pariser mit ihren schicken Anzügen und Krawatten.
In den Nachrichten ist von nichts anderem die Rede als der Seine. Linden hört zu, während sich die quietschenden Scheibenwischer einen endlosen Kampf mit dem Regen liefern. Seit fünf Tagen, dem 14. Januar, steigt der Fluss unaufhörlich an, das Wasser schwappt schon um die Knöchel des Zuaven. Linden weiß, dass die riesige steinerne Statue eines Kolonialsoldaten direkt unterhalb des Pont de l’Alma der Bevölkerung als Wasserstandsanzeiger dient. Bei der großen Flut von 1910 ist das Wasser sogar bis an die Schultern des Zuaven gestiegen. Der Fahrer atmet tief aus, man könne einen Fluss nun einmal nicht davon abhalten, über die Ufer zu treten, sagt er, es sei sinnlos, gegen die Natur anzukämpfen. Die Menschen müssten endlich aufhören, der Natur ins Handwerk zu pfuschen, das hier sei ihre Art zurückzuschlagen. Während sich der Wagen zentimeterweise durch den stockenden Verkehr schiebt und der Regen unerbittlich auf das Autodach prasselt, fällt Linden die E-Mail wieder ein, die ihm das Hotel am Dienstag geschickt hat.
Sehr geehrter Monsieur Malegarde,
wir freuen uns, Sie von Freitag, 19. Januar, nachmittags bis Sonntag, 21. Januar, abends in unserem Haus begrüßen zu dürfen (mit spätem Check-out, wie von Ihnen gewünscht). Wir müssen Ihnen allerdings mitteilen, dass die Verkehrssituation in Paris aufgrund des steigenden Wasserstands der Seine problematisch werden könnte. Glücklicherweise liegt das Chatterton Hotel im vierzehnten Arrondissement und somit nicht in einem von Überschwemmungen bedrohten Bereich. Wir werden daher von diesen Unannehmlichkeiten nicht betroffen sein. Aktuell meldet uns die Präfektur, dass keinerlei Grund zur Sorge besteht; trotzdem legen wir Wert darauf, unsere Gäste stets über alle Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Bitte informieren Sie uns, falls wir Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein können.
Mit freundlichen Grüßen
Linden hat die Mail am Flughafen von L. A. gelesen, kurz vor dem Abflug nach New York, wo er eine britische Schauspielerin fürVanity Fair fotografieren sollte. Er hat die Nachricht an seine Schwester Tilia in London und an seine Mutter Lauren im Département Drôme weitergeleitet, die ihn an jenem