1. PAIDEUSIS
(Väter und Söhne)
Eine der seltenen Kindheitserinnerungen, von denen mein Vater erzählte– selten jedenfalls in den Jahren, in denen wir heranwuchsen, denn im Alter hat er bereitwilliger über seine Vergangenheit gesprochen, auch wenn sein Vorrat an Anekdoten es nicht mit den lustigen und dramatischen Geschichten aufnehmen konnte, die meine Mutter und ihr Vater auf Lager hatten –, handelte davon, wie sein Lateinunterricht zu Ende ging.
Eines Tages, begann er, eines Frühlingstages kurz vor Kriegsende (für meinen Vater war der Zweite Weltkrieg immer »der Krieg«, so wie ein antiker Barde »Troja« meinte, wenn er von »Krieg« sprach), es muss am Ende meines letzten Jahres auf derJunior Highschool gewesen sein, fragte unser Lateinlehrer, ein sehr feiner Kerl, europäischer Emigrant – ich erinnere mich, er war ein Deutscher, der es gerade noch geschafft hatte –, was wir im nächsten Jahr vorhätten. Wir waren in der zehnten Klasse, hatten seit der siebten Latein, und in dem Jahr hatten wir Ovid gelesen.
Ohhvid.
Hier räusperte sich mein Vater vielleicht. Er kam aus Deutschland, fuhr er fort. Ich weiß noch, dass er Wert darauf legte, gut gekleidet zu sein, obwohl man sehen konnte, dass seine Sachen oft gewaschen worden waren, der Hemdkragen war ausgefranst, die Ellbogen seiner Jacke glänzten. An diesem Tag fragte er uns, wer in der Oberstufe mit Latein weitermachen werde. Oberstufen-Latein war die Krönung des Lateinunterrichts, denn da wurde endlich Vergil gelesen. DieAeneis.
Wenn er diese Geschichte in der jüngsten Zeit erzählte, fiel mir auf, wie detailliert er über das Äußere des Lehrers sprach, den ausgefransten Kragen, die glänzenden Ellbogen. Dass er derlei überhaupt registriert hatte, wäre mir früher merkwürdig erschienen, denn mein Vater war in puncto Kleidung ein notorischer Muffel. Er hatte ein untrügliches Gespür dafür, stets das Falsche zu tragen, so wie bestimmte Leute stets das Richtige tragen. Als wir uns am ersten Abend unsererOdyssee-Kreuzfahrt für die Captain’s Cocktailparty umkleideten, wollte er sich ein glänzendes braunes Hemd anziehen, woraufhin ich sagte: Daddy, wir sind auf einer Mittelmeer-Kreuzfahrt, du kannst unmöglich braunen Polyester tragen. Ich nahm das Hemd, ging auf den Balkon und warf es ins Meer. Neeiiin!, rief er, das war ein teures Hemd! Er stürmte durch die Kabine, trat auf den Balkon und schaute unglücklich hinunter auf das Hemd, das im Wasser robbenartig schimmerte und noch eine Weile auf den Wellen tanzte, bis es schließlich unterging. Erst in seiner späten, nostalgischen Phase – ich muss damals Mitte dreißig gewesen sein – überraschte er mich mit einer Anekdote, die seinen aufmerksamen Blick für die Garderobe seines alten Lehrers erklärte. Während seines Studiums an der New York University, erzählte er eines Tages (und sofort wies er darauf hin, dass ihm diese Universität nur wegen derGI Bill offenstand und er nur deshalb davon profitieren konnte, weil er mit siebzehn genau deswegen zur Armee gegangen war, um nämlich später studieren zu können), hatte er bei Brooks Brothers gejobbt. Er grinste schief, als er meine Reaktion bemerkte.Na ja, sagte er,es war nur der Verpackungsraum, aber ich habe etwas gelernt! In diesem Moment spürte ich so etwas wie scheuen, eigensinnigen Stolz unter seiner Selbstironie, ein leises Triumphieren über seinen kurzen Auftritt in der exquisiten Welt amerikanischer Patrizier, als wollte er sagen:Schau, wie weit ich es gebracht habe! Nicht schlecht für einen Jungen aus der Bronx! Bei demAber ich habe etwas gelernt sah ich ihn plötzlich als Zwanzigjährigen, damals unglaublich dünn, die Hose zusammengezurrt um die schmale Hüfte und von einem Gürtel gehalten,