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Bordelais, Juni 1942
So früh morgens war es noch kalt, aber Jeanne zitterte auch ein wenig vor Aufregung. Sie zog eine fadenscheinige altrosafarbene Strickjacke über das Baumwollkleid, dessen Blümchenstoff schon lange verblichen war, und verbarg ihr schulterlanges kastanienbraunes Haar unter einem Kopftuch. Die Wellen mit ihrem rötlichen Glanz weckten immer gleich Aufmerksamkeit, und es war besser, nicht aufzufallen.
Als sie vor dem kleinen Wandspiegel in ihrer Schlafkammer den Sitz des Kopftuchs überprüfte, sah sie das Gesicht eines jungen Mädchens mit spitzem Kinn und hübschem kleinem Mund. Auf dem hellen Teint schimmerten Sommersprossen, die bis zur Weinlese sicher wieder kräftiger werden würden. Das Auffälligste an ihr waren die großen dunkelbraunen Augen, die immer gleich verrieten, was sie dachte. Jede Nuance ihrer Gefühle konnte man daran ablesen. Jeanne wünschte, sie könnte gucken wie Mata Hari – geheimnisvoll, undurchdringlich, rätselhaft –, und zog sich selbst eine Fratze. Sie schob das Tuch noch ein Stück tiefer über den Haarwirbel in die Stirn, dann griff sie nach ihrem Rucksack und ging in die Küche, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Es roch nach gebackenen Maisbrötchen.
»Knall die Haustür nicht wieder, Jeanne«, mahnte ihre Mutter, »grand-père schläft noch.« Dem Großvater ging es seit Wochen schlecht. »Willst du nicht frühstücken?« Jeanne schüttelte den Kopf. Es war doch kaum etwas da, sie wollte dem Großvater nichts wegessen, was ihn vielleicht wieder auf die Beine bringen konnte. Und bestimmt würde Artur einen Imbiss aus der Gutsküche mitbringen. »Setz dich«, befahl die Mutter. »Kind, du wirst immer magerer.« Jeannes Magen knurrte wie zur Bestätigung. Die Mutter reichte ihr eine Tasse mit Ersatzkaffee aus gerösteter Gerste und ein warmespetit pain. Auf dem Tisch stand ein Töpfchen mit Erdbeermarmelade. Sie schmeckte säuerlich, weil es kaum noch Zucker gab. Während Jeanne dennoch gierig ein Brötchen verschlang, mahlte die Mutter weiter Maiskörner zu jenem groben Mehl, mit dem sie inzwischen die meisten Mahlzeiten zubereitete. Ihr besorgter Blick verriet, dass sie ihrer Tochter zutraute, noch ganz andere Unannehmlichkeiten als nur Lärm zu provozieren. »Halt dich zurück, wenn du in der Stadt bist! Es wimmelt dort von Soldaten.«
»Natürlich. Ich soll ja nur für Madame etwas aus der Teppichreinigung abholen. Und Artur begleitet mich, er hat dort auch etwas zu erledigen.«
»Weiß Madame davon?«, fragte ihre Mutter misstrauisch. »Ich glaub, sie sieht es nicht mehr gern, wenn ihr Sohn so engen Kontakt zu dir hält.«
»Sie hat es sogar selbst vorgeschlagen«, entgegnete Jeanne auftrumpfend.
Ihre Augen funkelten unternehmungslustig. Sie war erst zweimal in der großen Stadt gewesen.
»Tatsächlich? Sollst du etwa einen der Aubussons aus der Reinigung holen?« Die d’Avrils besaßen etliche dieser kostbaren Wandteppiche. »Der ist doch viel zu schwer für dich. Außerdem gäb’s jetzt wirklich Wichtigeres …«
Kopfschüttelnd unterdrückte Jeanne ein Glucksen. »Ich hole nur einen Beutel Staub ab.«
In diesem Moment begriff ihre Mutter, was der Auftrag zu bedeuten hatte. Einen Moment lang glitzerte es in ihren Augen, ihre Mundwinkel zuckten, sie konnte ihre Schadenfreude nicht verhehlen. Im verga