26. FEBRUAR 2018
Magnus
Magnus fuhr schneller als erlaubt, er konnte es kaum erwarten anzukommen. Aus den Autoboxen schalltenGuns N’Roses. Er drehte die Lautstärke hoch und sang mit:»So never mind the darkness. We still can find a way.«
Die Allee nach Rodersdorf glänzte nass vom letzten Schauer, doch der Wind vertrieb die Wolken nach Osten, und der Himmel wölbte sich in blassem Blau. Kraniche formierten sich zu einer Pfeilspitze, majestätisch zogen sie davon.
Auf dem Beifahrersitz lag die Zeitungsannonce, die er heute Morgen aus denKieler Nachrichten herausgerissen hatte.Klassischer 30 qmSchärenkreuzer, Rumpf massiv Mahagoni, Teakholzdeck … Er wusste bereits jetzt, dass er das Segelboot kaufen wollte. Es gab keinen schöneren Bootstyp auf dieser Welt und keinen, den er so genau kannte. Der Kaufpreis war lächerlich gering, das Schiff musste in einem üblen Zustand sein, aber das schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil. Es wäre eine Aufgabe, die ihn reizen würde. Endlich wieder mit seinen Händen arbeiten. Etwas herrichten und heil machen. Edles Mahagoniholz, in mindestens sieben Arbeitsgängen abwechselnd anschleifen und lackieren. Bis es so glatt und glänzend war, dass Licht und Wasser sich darin spiegelten.
Hinter einer Reihe windgebeugter Kopfweiden tauchte eine Wellblechhalle auf. Er ging vom Gas. War er hier richtig? Von Schwanbek nach Rodersdorf, dann in Richtung Weckendorf … irgendwo zwischen den beiden Ortschaften sollte die Adresse liegen, die ihm der Mann am Telefon genannt hatte. Mit einer merkwürdigen Stimme, krächzend und unfreundlich. Magnus hatte ein unangenehmes Gefühl gehabt, aber es gleich beiseitegedrängt. Ein Segelboot dieser Klasse wurde nicht alle Tage angeboten.
Er kannte jeden Busch in der Gegend, zumindest war er in diesem Glauben losgefahren. Jetzt musste er sich eingestehen, dass er nicht genau wusste, wo er sich gerade befand. Früher hatte es diese ganzen Kreisverkehre nicht gegeben. Vielleicht war er vorhin falsch abgebogen?
Es war alles zu lange her … Plötzlich kam er sich fremd und verloren vor.
Er drehte die Musik lauter und schaltete nun doch das Navi ein. Es zeigte an, dass er auf dem richtigen Weg war. Er nahm das als gutes Omen. Noch etwa drei Kilometer, zwei Minuten, dann war er am Ziel.
Ein weiteres einsam gelegenes Gehöft mit Wellblechhallen. Von der Landstraße bog ein holpriger Feldweg ab zu einer offenen Toreinfahrt. Magnus parkte den Wagen davor, stieg aus und betrat den Hof. Eine Scheune und ein Wirtschaftsgebäude lagen still da. Tiere schien es hier nicht zu geben. Er schritt auf das Wohnhaus zu, ein zweigeschossiges, graues Gebäude. Eine Fensterscheibe im ersten Stock war gesprungen, der Riss mit Klebeband abgedichtet worden. Durch Wasserschäden und abbröckelnden Putz wirkte die Fassade ärmlich. Auch die Haustür hatte schon bessere Zeiten gesehen, sie hing schief in den Angeln, stand einen Spalt offen. Magnus trat näher. Es gab weder Namensschild noch Klingel.
»Hallo?«, rief er. Nichts. Er versuchte es lauter: »Ist jemand zu Hause?« Keine Antwort. Er blickte hoch zu den Fenstern. »Hallo? Ich komme wegen der Annonce!«
Er lauschte, wartete. Aber das Haus wirkte so trostlos und verlassen auf ihn, die gesamte Umgebung war alles andere als vertrauenerweckend. Er hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl gehabt.
Er drückte die Wahlwiederholung auf seinem Handy. Nach wenigen Sekunden hörte er es im Haus leise und anhaltend klingeln. Die Adresse stimmte, aber hier war niemand. Dabei hatte dieser Typ ihm versichert, die nächsten Stunden zu Hause zu sein.
Er trat den Rückweg an und blieb unschlüssig neben seinem Wag