Tag 1: Finde eine neue Freundin
»Verzeihung?«
Keine Antwort. Die Schwester in dem kleinen Büro hackte unbeirrt weiter auf ihre Computertastatur ein.
Annie versuchte es noch einmal. »Entschuldigen Sie.«
Das war Stufe zwei auf ihrer Empörungsskala, die etwas ungehaltener ausfiel als jene, mit der sie Touristen bedachte, die die Rolltreppe blockierten, etwas nachsichtiger jedoch als jene, die sie sich für Leute aufsparte, die in der U-Bahn freie Sitzplätze mit ihren Taschen blockierten.
»Hören Sie mal!«, schaltete sie jetzt auf Stufe drei: Parkplatz wegschnappen, Regenschirm ins Gesicht schlagen und so weiter. »Könnten Sie mirbitte helfen? Wie lange soll ich noch warten?«
Die Frau tippte unbeirrt weiter. »Wie bitte?«
»Ich muss die Adresse auf einer Patientenakte ändern lassen. Man hat mich mittlerweile zu vier verschiedenen Stellen geschickt.«
Die Schwester hinter dem Empfangstresen streckte die Hand aus, ohne aufzublicken, um von Annie das Formular entgegenzunehmen. »Geht es um Sie?«
»Nein.«
»Die Patientin muss die Anschrift selbst ändern.«
»Das kann sie leider nicht«, gab Annie ungehalten zurück und fügte spitz hinzu: »Was mehr als ersichtlich wäre, wenn jemand in diesem Krankenhaus sich die Mühe machen würde, einen Blick in die Akte zu werfen.«
Das Formular segelte auf die Theke. »Ich darf sie nicht von einer anderen Person ändern lassen. Datenschutz, Sie verstehen.«
»Aber …« Entsetzt spürte Annie, dass sie drauf und dran war, in Tränen auszubrechen. »Sie muss geändert werden, damit die Post an mich geschickt wird. Die Betroffene selbst ist nicht mehr geschäftsfähig. Deswegen bin ich hier. Bitte! Sie müssen nur die Adresse ändern. Ich verstehe nicht, was daran so schwierig sein soll.«
»Tut mir leid.« Die Schwester rümpfte die Nase und zupfte an einem ihrer Fingernägel.
Annie griff nach dem Blatt Papier. »Hören Sie, ich bin inzwischen seit Stunden in diesem Krankenhaus, wurde von einer Stelle zur anderen geschickt. Patientenarchiv. Neurologie. Ambulanz. Empfang beim Eingang. Verwaltung. Zurückin die Neurologie. Keiner hier scheint einen blassen Schimmer zu haben, wie man diese simple Angelegenheit erledigt. Ich habe heute noch nichts gegessen, habe nicht geduscht, und ich kann nicht nach Hause, bis Sie nicht ein paar Zeilen in Ihren Computer getippt haben. Mehr müssen Sie nicht tun.«
Die Frau mittleren Alters schaute immer noch nicht auf.Klack, klack, klack.Annie spürte Wut in sich aufwallen, Schmerz, Verzweiflung.
»Würden Sie mir vielleicht endlich zuhören?«
Sie streckte den Arm aus und drehte abrupt den Monitor herum. Die Augenbrauen im Gesicht der strengen Schwester verschwanden empört unter ihrem toupierten Haar.
»Ma’am, wenn Sie das nicht sofort unterlassen, werde ich den Sicherheitsdienst rufen …«
»Und ich verlange, dass Sie mich anschauen, wenn ich mit Ihnen spreche. Ist das denn zu viel verlangt?Bitte, helfen Sie mir.« Jetzt weinte sie wirklich, bittere, salzige Tränen. »Es tut mir leid. Wirklich. Ich möchte ja nur, dass Sie diese Adresse für mich ändern.«
»Hören Sie, Ma’am …«
Die mürrische Frau plusterte sich schon zur Abwehr auf, und ihr Mund öffnete sich – vermutlich um Annie mitzuteilen, wo sie sich ihre Adresse hinstecken konnte. Doch in dem Moment passierte etwas Seltsames: Statt sie anzuschnauzen, verzog sich ihr faltiges Gesicht zu einem Lächeln.