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– Jetzt spürte ich meinen Durst. Meine eingeschlafenen Beine. Meinen schmerzenden Rücken. Meine sonnenverbrannte Haut. Meinen staubtrockenen Mund. Auf einmal spürte ich alles. Die kalten Wellen, die über meine Beine hinwegspülten, belebten aufs Neue sämtliche meiner Sinne.
Ich zwängte meinen gemarterten Leib unter ihr hervor und stand auf. Ich schwankte ein wenig, meine Beine brannten wie die Hölle, und es gelang mir gerade so eben, mich aufrecht zu halten.
Eine neue Welle rollte heran und begrub Selinas Beine unter sich. Ich bückte mich und schob meine Hände unter ihre Achselhöhlen. Die Sehnen in meinem Rücken protestierten heftig, aber ich konnte nicht länger zögern. Ich musste sie außer Reichweite der Meeresbrandung schaffen, bevor die gierige See sie zu verschlingen drohte. Ihre Haut war kalt und unangenehm zu berühren.
Ich fühlte mich schrecklich schwach, und ihr Körper schien, seit das Leben ihn verlassen hatte, schwerer geworden zu sein. Totes Gewicht, ging es mir durch den Kopf. Die Worte entsetzten mich. Sie klangen grausig und trostlos in ihrer grimmigen und unerbittlichen Wahrhaftigkeit.
Als ich einsah, dass mir die Kraft fehlte, sie zu tragen, begann ich die Leiche zu ziehen. Die Leiche. Ein anderes grausames Wort. Die Leiche. Es war nicht mehr Selina, es war eine Leiche. Ich packte sie fest unter den Achseln und zerrte sie mit aller Macht, die aufzubringen ich imstande war, weiter. Meine Füße fanden im lockeren Sand kaum Halt und rutschten immer wieder aus. Etliche Male hätte ich mich fast auf den Hintern gesetzt, doch am Ende gelang es mir Stück für Stück, Selinas leblosen Leib weg von den Gezeitenströmungen und hinter den Gürtel aus vertrockneten Meeresalgen, toten Korallen und zerbrochenen Muschelschalen zu schleppen und mich höher und höher den Strand hinauf zu quälen.
Sobald sich ihre Füße außerhalb der nassen Gefahrenzone befanden, riss ich meine Hände unter ihren Armen hervor und ließ mich rücklings in den weichen Sand fallen. Mir war übel vor Erschöpfung, und gleichzeitig litt ich grässlichen Durst. Ich lag ein paar Minuten lang da und beobachtete mit starrem Blick einen Vogel, der hoch über der Insel seine Kreise zog. Ich sah mich flüchtig am Himmel um, in der Hoffnung, ein Flugzeug zu entdecken, aber es gab keines. Dort droben war nichts, nur der Vogel, ein Wölkchen und die Sonne – und sonst überall unendliches Blau.
Ich setzte mich auf. Selinas Leiche war in scheußlich verdrehter Haltung auf dem Boden gelandet. Ein Arm verschwand unter dem Oberkörper, der andere wickelte sich um ihren Kopf. Ihr Leib war über und über mit Sand bedeckt. Die Zunge hing ihr aus dem Mund. So konnte ich sie nicht liegen lassen. Wie achtlos entsorgten Müll. Ich musste das in Ordnung bringen. Aber zuallererst brauchte ich was zu trinken. Die Insel war reich an Kokosnüssen. Während der Nacht hatte ich die von den Matrosen zurückgelassene Machete benutzt, um ein paar zu köpfen, sodass Selina und ich von der Kokosmilch darin trinken konnten. Das lag allerdings schon viele Stunden zurück, und ich hatte den ganzen Morgen über w