Die Erde und der Feigenbaum
Die Insel Manhattan ist voller Löcher, und in einem davon schläft Baba. Als ich ihm Gute Nacht sagte, war er ein schweres, schlaffes weißes Bündel, und das Loch, das sie für ihn gegraben hatten, war furchtbar tief. Und auch in mir war ein Loch, und in dem verschwand meine Stimme. Sie verschwand zusammen mit Baba, ganz tief im weißen Gebein der Erde, und jetzt ist sie fort. Meine Worte versanken wie Samen, meine Vokale und der rote Raum für Geschichten zerfielen unter meiner Zunge.
Ich glaube, auch Mama hat ihre Stimme verloren, denn statt zu sprechen, durchnässte sie mit ihren Tränen unsere ganze Wohnung. Im Winter fand ich überall Salz: unter den Spulen der elektrischen Kochplatten, zwischen meinen Schnürsenkeln und an den Umschlägen mit den Rechnungen, auf den Schalen der Granatäpfel in der Obstschüssel mit dem Goldrand. Wenn Anrufe aus Syrien kamen, kratzte Mama Salz von der Telefonschnur, während sie sich bemühte, sie zu entwirren.
Bevor Baba starb, rief praktisch nie jemand aus Syrien an, wir bekamen nur E-Mails. Aber in einem Notfall, meinte Mama, müsse man eine menschliche Stimme hören.
Offenbar sprach die Stimme, die Mama geblieben war, nur Arabisch. Selbst als die Frauen aus der Nachbarschaft Geschirr mit Essen und weiße Nelken brachten, blieb Mama stumm. Warum wohl haben die Menschen nur eine einzige Sprache für ihre Trauer?
In diesem Winter hörte ich Abu Saids honiggelbe Stimme zum ersten Mal. Huda und ich saßen manchmal vor der Küche und lauschten. Hudas aschbraune Locken, die sie an den Türpfosten drückte, sahen dabei aus wie Garnrollen. Huda konnte nicht wie ich die Farbe seiner Stimme sehen, aber wir wussten beide, dass es Abu Said war, der anrief, weil Mamas Stimme in Fahrt zu kommen schien, so als sei jedes Wort, das sie jemals auf Englisch gesagt hatte, nur ein Schatten seiner selbst. Huda kapierte es noch vor mir: Abu Said und Baba waren zwei Knoten im selben Faden, dessen Ende Mama aus den Fingern zu gleiten drohte.
Mama erzählte Abu Said alles, worüber meine Schwestern schon seit Wochen tuschelten: die ungeöffneten Stromrechnungen, die Landkarten, die sich nicht verkauften, die letzte Brücke, die Baba gebaut hatte, bevor er krank wurde. Abu Said sagte, er kenne Leute an der Universität in Homs, er könne Mama helfen, ihre Karten zu verkaufen. Gäbe es einen besseren Ort, um drei Töchter großzuziehen, als das Land ihrer Großeltern?, fragte er.
Auf den Flugtickets nach Syrien, die Mama uns zeigte, war daso in Nour, meinem Namen, ein durchscheinender Salzfleck. Meine älteren Schwestern lagen ihr wegen der Unruhen in Dara’a in den Ohren, von denen wir in den Nachrichten gehört hatten. Sie sollten nicht albern sein, erwiderte Mama, Dara’a liege so weit südlich von Homs wie Baltimore von Manhattan. Und Mama musste es wissen, denn sie verdiente ihr Geld mit Landkarten. Mama war überzeugt davon, dass die Lage sich beruhigen würde und dass Syrien durch die Reformen, die die Regierung versprochen hatte, wieder Hoffnung schöpfen und aufblühen würde. Und auch wenn ich eigentlich nicht wegwollte, freute ich mich darauf, Abu Said kennenzulernen und Mama wieder lächeln zu sehen.
Ich kannte Abu Said nur von Papas Polaroidfotos, die in den Siebzigern entstanden waren, bevor er Syrien verlassen hatte. Abu Said trug darauf einen Schnurrbart und ein orangefarbenes T-Shirt und lachte jemanden an, der nicht auf dem Foto war, während Baba direkt hinter ihm stand. Baba bezeichnete Abu Said nie als seinen Bruder, aber ich wusste, dass er es war, denn er war immer überall dabei: beim abendlichen Fastenbrechen im Ramadan, beim Kartenspiel mit meiner Oma, grinsend am Tisch des Kaffeehauses. Babas Familie hatte ihn aufgenommen, ihn zu einem der ihren gemacht.
Als der Frühling kam und die Rosskastanien unter unserem Fenst