1.
Zum ersten Mal in ihrem Leben fuhr Rieke mit der Eisenbahn und kam aus dem Staunen kaum heraus. Die kleine Garnisonstadt, in der ihr Vater stationiert war, blieb so schnell hinter dem Zug zurück, dass es ihr wie ein Wunder erschien. Statt der grauen Häuser sah sie nach kurzer Zeit Felder, auf denen Knechte und Mägde arbeiteten, Wiesen mit grasenden Kühen und immer wieder dunkle Wälder. Bei deren Anblick gaukelte ihre Phantasie ihr vor, es könnten Räuber darin hausen.
Mit leuchtenden Augen wandte sie sich an ihren Bruder. »Ich hätte niemals gedacht, dass die Eisenbahn so geschwind fahren würde.«
Emil von Gantzow, der als Sekondeleutnant in demselben Infanterieregiment diente, in dem sein Vater Major war, lächelte über die Begeisterung seiner jüngeren Schwester. »Die Eisenbahn ist nun einmal die schnellste und bequemste Möglichkeit, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Da können weder Reiter noch Kutschen mithalten.«
»Wenn Mama und ich im letzten Jahr, als euer Regiment an seinen neuen Standort versetzt worden ist, die Eisenbahn hätten nehmen können, wären wir nicht zwei Wochen lang auf einem Fuhrwerk durchgeschüttelt worden.« Rieke schnaubte leise, denn jene Fahrt war alles andere als bequem gewesen.
»Ich glaube nicht, dass Mama jemals in einen Eisenbahnwaggon einsteigen würde«, gab Emil zu bedenken.
»Ganz gewiss nicht! Deswegen hätte ich die Höhere-Töchter-Schule der Schwestern Schmelling beinahe nicht besuchen dürfen, obwohl Großtante Ophelia die Kosten dafür tragen will. Ich darf nur hinfahren, weil du mich begleitest.« Rieke schenkte ihrem um acht Jahre älteren Bruder ein dankbares Lächeln und sagte sich, wie froh sie sein durfte, dass es ihn gab.
»Vater hat um Urlaub für mich eingegeben, damit ich dich zur Schule bringen kann.«
»Das hat Papa getan? Wie sonderbar! Die meiste Zeit kümmert er sich doch nicht um mich.« Über Riekes Miene huschte ein Schatten, dann aber lachte sie leise auf. »Gewiss wollte er Großtante Ophelia nicht verärgern, denn die wäre sonst gekränkt gewesen. Weißt du, was Vater am letzten Sonntag zu mir gesagt hat? Ich solle auf der Schule fleißig lernen, um einmal die treusorgende Ehefrau eines preußischen Offiziers werden zu können.«
Nun lachte auch Emil. »Da du als Mädchen kein Soldat werden kannst, ist es in seinen Augen das Beste für dich.«
Rieke senkte betrübt den Kopf. Ihr Vater hatte der Mutter nicht verziehen, dass sie statt eines zweiten Sohnes ein Mädchen geboren hatte, und ihr nicht, dass sie eines war. Die Frau eines Offiziers zu werden war jedoch das Letzte, was sie sich ersehnte. Sie hatte tagtäglich die Eltern vor Augen und wusste, dass die Mutter ohne die Erlaubnis des Vaters nicht einmal zu hüsteln wagte. Auch hatte sie trotz ihrer Jugend gelernt, was es hieß, vom Sold eines niederrangigen Offiziers eine Familie ernähren zu müssen. Den Vater kümmerten diese beengten Verhältnisse wenig, denn er aß meist im Offizierskasino und verbrauchte auch sonst viel Geld, so dass für die Mutter, die alte Mulle und sie oft nur Kartoffeln und Kohl zu Mittag geblieben waren.
Auch aus dem Grund war Rieke ihrer Großtante Ophelia von Gentzsch von Herzen dankbar, dass diese es ihr ermöglichte, in den nächsten vier Jahren die Schule für höhere Töchter der Schwestern Schmelling besuchen zu dürfen. Da sie nur die Ferien zu Hause verbringen würde, blieb mehr Geld für ihre Mutter und das alte Dienstmädchen. Sie selbst konnte in dem Internat ebenfalls mit besserer Kost rechnen. Vor allem aber kam sie dem Vater nicht mehr tagtäglich unter die Augen und war vor seiner zynischen Verachtung und seinen Schlägen sicher.
»Vater sagte letztens, er erwarte von Tante Ophelia, dass sie dir nach dem Abschluss deiner Schule eine Mitgift ausschreibt, die hoch genug ist, einen Offizier dazu zu bewegen, dich zu heiraten.«
Emil fand es zwar eigenartig, dieses Thema mit einem Mädchen zu besprechen, das gerade einmal vierzehn Jahre alt war. Andererseits war Rieke für ihr Alter sehr verständig und – der Meinung des Vaters nach – für ihr Geschlecht zu aufsässig. Nicht zuletzt deshalb hatte er oft genug mit ansehen müssen, wie der Ledergürtel des Vaters auf dem Hinterteil seiner Schwester getanzt hatte.
»Wenigstens hast du von nun an die meiste Zeit deine Ruhe vor ihm«, sagte er mitleidig. »Aber vielleicht wird sich Vaters Laune doch bald wieder heben. Noch immer kränkt es ihn, dass er es bisher nur zum Major gebracht hat, während sein Vater und sein Großvater im selben Alter bereits den Rang eines Obersts und sein Urgroßvater den eines Generals unter Friedrich dem Großen eingenommen hatten.«
»Du meinst, Vater wird einen höheren Rang bekommen?« Rieke hoffte, dass es so kam, denn die Enttäuschung, nicht so befördert worden zu sein, wie e