1. Kapitel
Frisch gewaschener Morgen. Der Tau setzt sich in feinen Tropfen auf die Giebel der braven Stadt. Ziegelrote, spitze Dächer, die am Horizont kratzen, und ein blassblauer Himmel, in dem schon das Versprechen eines milden Maitages liegt. Vereinzelt schimmert hier und da Licht hinter den Fenstern auf. Familienfrieden. Kaffeeduft. Barfuß durch die Wohnung laufen. Wach werden. Glück.
Anna klappte ihr Notizbuch zu und steckte es in ihre Umhängetasche auf dem Beifahrersitz. Sie blieb noch ein paar Sekunden im Auto sitzen und sah hinaus. In einem beleuchteten Schaukasten kündigte die Johanniskirche ihre Gottesdienste an. Die Laternen rund um die Kirche spendeten schwaches Licht. Langsam, ganz langsam verabschiedete sich die Nacht, um einem neuen Tag Platz zu machen. Diese Zeit zwischen Dunkelheit und Licht mochte Anna ganz besonders. Wenn sich die Silhouetten der Gebäude aus dem Schlaf schälten und das Gezwitscher der Vögel das lauteste Geräusch war. Anna zog den Zündschlüssel, griff nach ihrer Tasche und stieg aus.
Walderstadt hatte nicht einmal zwanzigtausend Einwohner und gehörte laut Glücksatlas zu den glücklichsten Städten in Deutschland. Lag es an der Überschaubarkeit dieser Stadt, die man weder als klein noch als groß bezeichnen konnte? Ein paar Bäcker, eine gut ausgestattete Stadtbücherei, Schulen, ein Rathaus mit einem Rundturm auf der linken Seite und üppigen roten Geranien vor den Kassettenfenstern, Cafés, Restaurants, mehrere Immobilienmakler, Tankstellen, eine hübsche Allee aus großen Platanen und der Eiler Bach, der gelegentlich über die Ufer trat. Die Einheimischen nannten ihn eigenwillig, weil er sich immer wieder neue Wege ins Bachbett spülte. Ihn zu begradigen wäre trotzdem niemandem in den Sinn gekommen. Genau genommen war Walderstadt eine Kleinstadt wie viele andere. Bedeutungslos für das Weltgeschehen, aber voll von Einzelschicksalen ganz normaler Menschen.
Nur einmal im Jahr stellten die Walderstädter ihre Haushalte auf den Kopf, schoben alte Töpfe zur Seite, krochen tief in ihre Kleiderschränke hinein, durchwühlten Dachböden, Keller und die Zimmer der Kinder und suchten mit ihren Trüffelnasen nach längst vergessenen Schätzen für den Trödelmarkt. Einen Trödelmarkt, der weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt war, weil er seinesgleichen suchte. Denn er bestand nicht nur aus einigen Holzbuden auf dem Stadtplatz, sondern der gesamte Ort verwandelte sich für drei Tage in ein lebendiges Handelszentrum. Dann wurden die Tore zu den Hinterhöfen weit aufgestoßen, und jeder, der wollte, konnte hereinkommen und sich aus dem Hausstand aussuchen, was zum Verkauf oder Tausch von der Familie freigegeben worden war. So kam es vor, dass die geschliffene Bleiglas-Vase der Oma nur zwei Häuser weiterzog und auf dem Kaminsims des Nachbarn ein neues Zuhause fand. Ein großer Teil des Handels untereinander wurde durch Tauschgeschäfte vollzogen. Lediglich die Besucher von außerhalb bezahlten für ihre Fundstücke. Sie kauften ein bisschen Geschirr hier und da, einen alten Stuhl oder eine Lampe und fuhren wieder nach Hause, meistens ohne die Seele dieses Marktes erspürt zu haben.
Die Walderstädter aber erlebten diese Tage wie ein äußeres und inneres Aufräumen, eine Grunderneue