Mein Leben soll eine Wanderschaft werden.[11]
Goethe
Wie eng die Verbindung von Wandern und praktischer Philosophie ist, zeigt bereits die Sprache. Wandern heißt Wege begehen. In allen Kulturen und Weisheitslehren, von denen wir eine schriftliche Überlieferung haben, ist das Wort »Weg« immer in der Doppelbedeutung von »Fußweg« und »Lebensweg«, von räumlichem und existenziellem, von körperlichem und seelisch-geistigem Fort-schreiten und damit verbundenen Fort-schritten verwendet worden. In der Philosophie kam noch die Bedeutung von »Denkweg« hinzu. Das liegt nahe, wird doch unser Lebensweg stark davon geprägt, was wir denken, wie wir die Welt und uns selbst verstehen, was unsere Wertvorstellungen und allgemeinen Anschauungen sind. »Du wirst zu dem, was im Denken und Sinnen herrscht«, heißt es in den altindischenUpanischaden, dem philosophischen Teil der Veden.[12] Aus unserem Denken und unseren Vorstellungen fließen unsere Entscheidungen und Handlungen, die kleinen und großen, die bewussten und unbewussten. Bevor wir auf konkrete Fragen der praktischen Lebensphilosophie und Weisheitslehre eingehen, wollen wir ein paar allgemeine Gedanken zum Thema Wege und Wandern vorausschicken, wie sie sich in der Geschichte der Menschheit, der Philosophie und der Religion dargestellt haben.
Philosophen waren häufig eifrige Wanderer, denn sie spürten die wohltuende Verbindung von Denken und Wandern. Traue keinem Gedanken, der im Sitzen kommt, meinte Nietzsche.[13] »Ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen«, sagte der dänische Philosoph Kierkegaard, und in Bezug auf belastende Gedanken: »… ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde.«[14] Heidegger, der täglich wanderte, hob die Verbindung von Wandern, Wegen und Denken durch einige seiner Buchtitel hervor wieHolzwege, Wegmarken oderUnterwegs zur Sprache. Unzutreffend aber ist der häufig zu lesende Hinweis, Aristoteles und seine Schüler hätten im Gehen philosophiert, was sich in dem Namen seiner Schule, dem Peripatos, zu Deutsch »Wandelhalle«, niedergeschlagen habe. Das dürfte eine später entstandene Legende sein.[15]
In den alten Kulturen kommt die Doppeldeutigkeit von »Weg« bereits imGilgamesch-Epos aus dem2./3. Jahrtausend v. Chr., der ältesten schriftlichen Dichtung, die wir haben, zum Ausdruck: »Gilgamesch, wohin läufst du? Das Leben, das du suchst (das unsterbliche), wirst du nicht finden.«[16] In einem ägyptischen Weisheitstext aus dem2. Jahrtausend v. Chr. heißt es: »Ich breite vor dir eine Lehre aus und unterweise (dich über den) Weg des Lebens. Ich setze dich auf den leidensfreien Weg …«[17] Das Grundwort der alten chinesischen Philosophie heißt Dao (Tao), was häufig mit »der rechte Weg« übersetzt wird. Das Schriftzeichen setzt sich zusammen aus »Kopf« und »Fuß«.[18] Es bezeichnet den »Weg des offenen Lebens«, das »Sich-Entfalten des Weges« als Gang des Alls wie auch als Bestimmung des Menschen, der, will er zu einem »wahren Menschen« reifen, eine »geistige Wanderung« zu vollbringen hat.[19]
Im alten Indien kennt man den Yoga Marga, wobei »Marga« Weg heißt, im übertragenen Sinn der Heilsweg, der Weg leiblich-seelischer Übungen. Für Buddha erlangen wir Erlösung von dem Leiden an der Welt, indem wir den »achtgliedrigen Pfad« beschreiten, einen Übungsweg und eine Lebenspraxis zum guten Leben.[20] Eine seiner bedeutendsten Spruchsammlungen heißtDhammapada, wobei »Dhamma« die Lehre bezeichnet, »pada« den Fuß oder Weg. Der Hinduismus spricht von dem »Weg«, auf dem der Mensch sich schrittweise von Lastern befreit und zu einem guten Menschen verwandelt.[21] Im Zen bedeutet »den Buddha-Weg gehen« das Selbst kennenlernen, praktizieren und verwirklichen.[22]
Schon in den ältesten griechischen Quellen ist vom »Weg der Tugend« die Rede, der steil und steinig anhebt, auf der Höhe aber »leicht dahinzieht«, eben und angenehm verläuft.[23] Noch heute ist der Mythos von »Herakles am Scheideweg« bekannt, wo sich der Held zwischen einem mühelosen, lustvollen und einem anstrengenden, aber tugendhaften Weg zu entscheiden hat. Jesus spricht in der Bergpredigt von zwei Wegen und sagt schließlich: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben …«[24]
Schon in vorchristlicher Zeit gab es in Griechenland und Kleinasien Wallfahrten