1. Kapitel
Es war manchmal so, als würde eine unsichtbare Wand Thiemo von seinen Freunden trennen. Gerade jetzt wieder. Johannes hob die Hand und fragte die anderen: »Kennt ihr den? – Der Strand auf Sylt ist jedes Mal überlaufener. – Ja. Schrecklich. Diesmal mussten wir uns schon mit einer Reihensandburg zufrieden geben.«
Die anderen – Maja und Marten, Annabelle und Victoria – lachten. Thiemo stand mitten unter ihnen, sah in die fröhlich geröteten Gesichter, doch den Witz fand er nicht lustig, und, wenn er ehrlich war, wäre er lieber woanders gewesen als ausgerechnet hier in der rappelvollen Keitumer Teestube.
Es hatte den ganzen Tag über geregnet. Ein feiner, spitzer Nieselregen, den man kaum sah, der einen aber doch bis auf die Haut durchnässte. Über der Insel hatten den ganzen Tag Nebelschwaden gehangen, die im leichten Wind wie schwere Bettdecken hin und her wogten und alle Farben aufsaugten, so dass die Insel ihr graues Gesicht zeigte und selbst das Meer wie stumpf gewordenes Silber aussah. Jetzt, am Abend, ging der Nieselregen in Schnee über. Und mit einem Mal wirkte die Insel wie der Ort aus einem Märchenbuch. Die Reetdächer der Friesenhäuser färbten sich weiß, das gemütliche Licht aus den Fenstern warf goldene Schatten auf die leicht verschneiten Vorgärten. Auch die Geräusche waren gedämpft, und Thiemo hatte den Eindruck, dass er sich zum ersten Mal an diesem Tag selbst hören konnte, hier im Garten der Keitumer Teestube vor einer Holzhütte, in der Glühwein ausgeschenkt wurde. Die Lichterketten verbreiteten ein festliches Licht, unter dem es sich schwer lärmen ließ. Sein Blick hing an Victoria, der schönen Victoria, Star der gesamten Bremer Jacobs-Universität. Victoria war wirklich schön. Schön auf den ersten Blick mit ihrem langen Blondhaar, den blauen Augen mit den rabenschwarz getuschten Wimpern, dem leichten Rougeschatten auf den Wangen und dem breiten Mund, der so herrlich lachen konnte. Oder – wie jetzt – in einem trotzigen Bogen nach unten zeigte.
»Dieser grüne Kaschmirpullover ist einfach ein Traum. Ich glaube, ich sterbe, wenn ich ihn nicht bekomme«, sagte sie und schaute dabei in seine Richtung, während ihre Hand auf dem Arm von Johannes lag. Sie waren am Vormittag bummeln gewesen. Ausgerechnet in Kampen auf der Whiskymeile. Sie waren Hand in Hand an Boutiquen und Bars entlanggeschlendert. Nur sie beide, Thiemo und Victoria. Und alles war so schön gewesen. Victoria hatte das Grelle und Laute abgelegt, das sie so oft hatte, wenn die anderen dabei waren. Mit ihm war sie leiser und irgendwie glänzender. So zumindest kam es Thiemo vor. Victoria, das sagten alle, hatte viel Glamour. Sie trug stets die neuesten Klamotten, hatte das coolste Smartphone und die trendigste Frisur. Sie verstand es ausgezeichnet, sich in Szene zu setzen; sie war der Mittelpunkt aller Partys, und selbst hier, in Kampen, drehten sich nicht nur die Männer nach ihr um. Thiemo wusste nicht genau, wieso, aber er mochte Victoria sehr viel lieber, wenn sie allein waren. So wie heute Vormittag auf dem Strönwai. Der Nieselregen war ihm wie Kristallschnüre vorgekommen, der Wind wie ein Streicheln. Doch dann hatte Victoria diesen Kaschmirpullover im Schaufenster einer dieser übertriebenen Boutiquen entdeckt.
»Sonderangebot!«, stand auf einem großen Schild dabei. »Statt 1999 EUR nur 999 EUR.« Thiemo hatte nicht gewusst, dass man so unfassbar viel Geld für einen Pullover bezahlen konnte, aber in Kampen auf Sylt war das noch nicht einmal ungewöhnlich. Er hatte gelacht, hatte sich nicht vorstellen können, dass irgendjemand 999 Euro für einen Pullover ausgeben würde. Das war ja der halbe