: Nicci French
: Seit er tot ist
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641246006
: 1
: CHF 11.70
:
: Spannung
: German
: 353
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Verstrickt im Dickicht von Lügen und Verrat

Was tun, wenn der Ehemann mit einer Unbekannten auf dem Beifahrersitz tödlich verunglückt ist? Wird die Liebe von den Lügen zerfressen? Nicci French entwirft das genaue Porträt einer Frau zwischen Trauer und Zweifel, zwischen Vertrauen und Verrat, deren Wunsch, die Wahrheit zu erfahren, größer ist als jede Angst.

Nicci French - hinter diesem Namen verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit über 20 Jahren sorgen sie mit ihren außergewöhnlichen Psychothrillern international für Furore und verkauften weltweit über 8 Mio. Exemplare. Besonders beliebt sind die Bände der Frieda-Klein-Serie. Die beiden leben in Südengland.

2


Die Zeitung klatschte auf die Fußmatte, und ein paar Minuten später wurde ein Bündel Briefe durch den Türschlitz geschoben. Diese Geräusche erinnerten mich daran, dass die Welt draußen versuchte, zu mir vorzudringen. Bald gab es für mich eine Menge zu erledigen, Pflichten zu erfüllen, Dinge zu beachten. Doch zuerst rief ich noch einmal Tania an.

»Entschuldige die frühe Störung«, sagte ich, »aber ich wollte dich erwischen, bevor du zur Arbeit aufbrichst.«

»Es ist mir die ganze Nacht im Kopf herumgegangen«, antwortete sie. »Ich habe kaum ein Auge zugetan. Ich kann es noch immer nicht fassen.«

»Wenn du im Büro bist, könntest du dann für mich nachsehen, mit wem Greg sich gestern getroffen hat?«

»Er hat den ganzen Tag an seinem Schreibtisch verbracht und ist dann direkt nach Hause aufgebrochen.«

»Vielleicht hat er auf dem Heimweg noch bei einem Kunden vorbeigeschaut, um etwas abzugeben oder so. Ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du einen Blick in seinen Terminkalender werfen könntest.«

»Ich mache alles, was du willst, Ellie«, versicherte mir Tania, »aber wonach soll ich suchen?«

»Frag Joe, ob Greg gestern irgendwas zu ihm gesagt hat.«

»Joe war gestern nicht im Büro, er hatte einen Außentermin.«

»Es war eine Frau.«

»Ja, ich weiß. Ich werde tun, was ich kann.«

Ich dankte ihr und legte auf. Sofort begann das Telefon zu klingeln. Es war Gregs Vater, der weitere Einzelheiten von mir wissen wollte. Seine Worte klangen steif und wie einstudiert, als hätte er sich die einzelnen Punkte vorher notiert. Ich konnte keine seiner Fragen beantworten. Ich hatte ihm schon alles gesagt, was ich wusste. Während er berichtete, dass Kitty die ganze Nacht nicht geschlafen habe, fragte ich mich, ob er damit klarstellen wollte, wer von uns am meisten trauerte. Hinterher hatte ich das Gefühl, bei einem Test versagt zu haben. Offenbar verhielt ich mich nicht wie eine gute Ehefrau. Witwe. Das Wort brachte mich fast zum Lachen. Es war nicht für jemanden wie mich gedacht, sondern für alte Frauen mit Kopftüchern, die Einkaufstrolleys hinter sich herzogen – Frauen, die damit rechnen mussten, Witwe zu werden, und daher Zeit hatten, sich darauf vorzubereiten und es zu akzeptieren.

Ich spielte im Geist noch einmal den genauen Moment durch, in dem die Polizistin mir von Gregs Tod berichtet hatte, jenen Moment des Übergangs. Die Nachricht kam mir vor wie eine Trennlinie, ein Strich mitten durch mein Leben. Danach war nichts mehr so wie vorher.

Obwohl ich weder Hunger noch Durst hatte, beschloss ich, etwas zu mir zu nehmen. Ich ging in die Küche, wo mich der Anblick von Gregs Lederjacke, die dort über einem Stuhl hing, so heftig traf, dass ich kaum noch Luft bekam. Ich hatte mich immer über diese Angewohnheit von ihm beschwert. Warum konnte er die Jacke nicht an einen Haken hängen, damit sie aus dem Weg war? Jetzt beugte ich mich zu ihr hinunter, weil ich hoffte, dass sie nach ihm roch. Es würde nun viele solche Momente geben. Während ich mir eine Tass