: Nicci French
: Der Glaspavillon
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641245986
: 1
: CHF 2.70
:
: Spannung
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die gefährlichen Schatten der Vergangenheit

Es soll ihr Abschiedsgeschenk sein: Jane – Exfrau des ältesten Sohnes der Familie Martello – plant den Bau eines Glaspavillons im Park des Landsitzes. Doch dann wird genau an der Stelle ein Skelett gefunden. Für Jane bricht eine Welt zusammen: Bei der Toten handelt es sich um Natalie, die seit 25 Jahren spurlos verschwundene Tochter des Hauses und Janes beste Freundin. Als sich herausstellt, dass die damals 16-Jährige schwanger war, hüllt sich die Familie in Schweigen. Nur Jane macht sich auf die Suche nach der Lösung des dunklen Geheimnisses – die für sie zu einer beängstigenden Begegnung mit der eigenen Vergangenheit wird ...

Nicci French - hinter diesem Namen verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit über 20 Jahren sorgen sie mit ihren außergewöhnlichen Psychothrillern international für Furore und verkauften weltweit über 8 Mio. Exemplare. Besonders beliebt sind die Bände der Frieda-Klein-Serie. Die beiden leben in Südengland.

1. KAPITEL


Ich schließe die Augen. In meinem Kopf ist alles noch da. Der morgendliche Dunst, der sich den Konturen des Bodens anschmiegt. Die beißende Kälte, die mir in der Nase schmerzt. Ich muss alle Kraft aufbieten, wenn ich mir ins Gedächtnis zurückrufen will, was sich an jenem Tag, an dem wir die Knochen – ihre Knochen – entdeckten, sonst noch zugetragen hatte.

Als ich den rutschigen, grasbewachsenen Abhang vor dem Haus hinabging, sah ich, dass die Arbeiter bereits warteten. Sie hielten Becher mit Tee in den Händen und rauchten. Ihr warmer, feuchter Atem stieg in Dampfwolken vor ihren Gesichtern auf. Zwar war erst Oktober, doch so früh am Morgen konnte man die Sonne hinter den Nebelschwaden nur erahnen. Ich hatte meinen Overall eine Spur zu ordentlich in die Gummistiefel gesteckt, während die Männer natürlich die übliche Kluft der Landbewohner trugen: Jeans, Acrylpullover und schmutzige Lederstiefel. Um sich warm zu halten, traten sie von einem Bein aufs andere, und sie lachten über etwas, das ich nicht hören konnte.

Als sie mich erblickten, verstummten sie sofort. Da wir uns alle seit Jahren kannten, wussten sie nicht so recht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten – jetzt, da ich ihr Boss war. Mir hingegen bereitete das keine Schwierigkeiten, weil ich auf Baustellen stets von Männern umgeben war, selbst auf ganz kleinen wie dem sumpfigen Fleckchen Land meines Schwiegervaters in Shropshire. Absurderweise wurde das Anwesen »Stead – Stammsitz« genannt, eine Bezeichnung, die zunächst die ironische Distanz der Familie zu ihrem Gutsherrentum verriet, die aber mit der Zeit immer ernster gemeint wurde.

»Hallo, Jim«, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen. »Sie konnten also der Versuchung nicht widerstehen, selbst herzukommen. Freut mich.«

Jim Weston gehörte zu Stead wie das Gewächshaus oder der Keller, in dem selbst an Ostern noch der süße Duft der Äpfel hing. Es gab keinen Gegenstand auf dem Anwesen, mit dem er nicht auf irgendeine Weise verbunden war. Er hatte die Fensterrahmen ausgewechselt und gestrichen und an glühendheißen Augusttagen mit nacktem Oberkörper das Dach gedeckt. Bei jedem Malheur – egal, ob es sich um den Schimmelbefall der Mauer, einen Stromausfall oder eine Überschwemmung handelte – rief Alan Jim aus Westbury zu Hilfe. Und stets weigerte sich Jim zu kommen. Zuviel zu tun, war die übliche Antwort. Doch eine Stunde später rumpelte sein klappriger Lieferwagen die Einfahrt hinauf. Dann besah Jim sich nachdenklich den Schaden, klopfte mit traurigem Kopfschütteln seine Pfeife aus und murmelte etwas von modernem unbrauchbaren Zeug. »Mal seh’n, was ich da tun kann«, sagte er schließlich. »Irgendwie werde ich es schon zusammenflicken.«

Es gehörte zu Jim Westons Eigenart, dass er nie etwas zum Listenpreis oder überhaupt für Geld kaufte, wenn es sich durch Gefälligkeit, im Tausch oder sogar über die verschlungeneren Pfade des Schwarzmarktes von Shropshire besorgen ließ. Als er meinen Plan für den Pavillon sah, wurde sein Gesicht lang und länger. Das Gästehaus – gedacht für Kinder, Kindeskinder, Ex-Frauen und sonstige Verwandte, die sich zu den Familienfeiern der Martellos zusammenfanden – war mein Abschiedsgeschenk an die Familie; ein Traumhaus, wie ich es für mich selbst bauen würde. Ich hatte mir die relativ geschützte Lage des Grundstücks zunutze gemacht und einen Pavillon von ab