PROLOG
„Warum willst du denn morgen schon wieder abreisen, Javier? Wir sehen uns so selten! Dein Vater und ich sind nur noch eine Woche hier, dann brechen wir nach Almeria auf, um den Winter wie gewöhnlich an der Küste zu verbringen. Bleib doch bitte auch so lange. Was machen die paar Tage schon für einen Unterschied?“
„Es tut mir leid, Mama, aber es geht wirklich nicht.“ In Javier Masters rauchgrauen Augen lag ein Ausdruck des Bedauerns.
Isabella Maria seufzte ungeduldig. Mit ihrem noch immer tiefschwarzen Haar und den ebenmäßigen, stolzen Gesichtszügen konnte man sie trotz ihrer gut fünfzig Jahre als Schönheit bezeichnen. Kein Wunder, dass Lionel Masters sich vor dreißig Jahren Hals über Kopf in die glutäugige Spanierin verliebt hatte, obwohl er gut zwanzig Jahre älter war als sie! Stets betonte er, dass er zu jenem Zeitpunkt schon längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, jemals die Frau finden, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte.
„Und warum geht es nicht? Ich weiß doch, wie sehr du an diesem Haus hängst!“ Gerade und ohne die Lehne zu berühren, saß Isabella Maria in dem Brokatsessel.
Knisternd fiel in dem großen Kamin ein Scheit zur Seite, und Funken sprühten. Javier stand auf, griff zum Feuerhaken und schob es wieder in die Glut. Nun, da die kalten Winde von den schneebedeckten Hügeln der Sierra Nevada den nahen Winter ankündigten, konnte man die wohlige Wärme eines offenen Feuers durchaus vertragen.
„Lass doch den Jungen zufrieden, Izzy.“ Um nicht vorwurfsvoll zu klingen, nannte Lionel seine Frau bei ihrem Kosenamen und tätschelte ihr besänftigend die Hand.
Javier lächelte versonnen. Ja, seine Mutter hatte recht, er liebte dieses Anwesen, seit er es mit sieben Jahren das erste Mal gesehen hatte. Seine Eltern hatten es ursprünglich als Feriendomizil erworben, denn es lag in dem abgelegenen andalusischen Dorf Isleta del Moro und war eine kleine Welt für sich. Als ehemalige Karawanserei war es von einer dicken Schutzmauer umgeben und nur durch ein mit Eisen bewehrtes Tor zu erreichen. Das flache Gebäude im maurischen Stil hatte einen Innenhof, in dem es im Sommer betäubend nach Rosen, Lilien und Myrte duftete.
Als er volljährig wurde, hatte er es zu seinem Hauptwohnsitz gemacht. Nachdem Lionel sich zur Ruhe gesetzt hatte, waren auch Isabella Maria und er von England nach Spanien übergesiedelt, weil das Klima ihnen besser bekam. Hatten sie bis dahin den alten Familiensitz Wakeham Lodge in Gloucestershire bewohnt, verbrachten sie jetzt den Sommer in Isleta del Moro und den Winter in ihrer Villa in Almeria.
„Ich würde nur zu gern bleiben“, versicherte Javier seiner Mutter und setzte sich im Schneidersitz auf den Teppich vor dem Kamin. „Aber ich habe ein Problem.“
„In der Firma?“, erkundigte Lionel sich scharf. Obwohl er ihm die Leitung des Baukonzerns schon vor drei Jahren übertragen hatte, interessierte er sich immer noch für das Unternehmen, das er mit seinem einstigen Partner Martin Rothwell gegründet hatte. War Lionel schon ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, hatte Javier der Firma zum Durchbruch auf dem Weltmarkt verholfen.
„Leider nicht.“ Javier lächelte ironisch. „Ein solches Problem hätte ich längst gelöst. Es geht um Zoe Rothwell.“
„Ach so!“, sagten Lionel und Isabella Maria gleichzeitig und nickten verständnisvoll.
Verstohlen blickte Javier zur Uhr. Es blieb ihm noch eine knappe Viertelstunde, bis Solita, die Haushälterin, die Familie an den Tisch bitten würde. Am besten brachte er die Sache möglichst schnell hinter sich.
„Als ich gestern von meiner Besprechung in Madrid hierher zurückfuhr, rief mich Alice Rothwell auf dem Handy an. Sie war völlig aufgelöst und wusste sich keinen Rat mehr. Um es kurz zu machen: Sie bat mich darum, die Vormundschaft für Zoe zu übernehmen, weil sie sich damit überfordert fühlt und am Ende ihrer Kräfte ist.“
„Und wie stellt sie sich das vor?“ Isabella Maria zog die sorgfältig gezupften Brauen hoch. „Ich habe Alice schon immer für eine seltsame Frau gehalten! Gefühle sind ein Fremdwort für sie, und ihre Moralvorstellungen stammen aus dem letzten Jahrhundert. Jetzt scheint sie allerdings den Verstand verloren zu haben! Wie sollst ausgerechnet du ihrer Enkelin ein Zuhause bieten? Du bist doch gar nicht verheiratet!“
Ihr Tonfall ließ keinerlei Zweifel aufkommen, wie sehr sie diese Tatsache missbilligte, und Lionel und er zwinkerten sich heimlich zu. Er, Javier, war inzwischen achtundzwanzig, und seit drei Jahren lag ihm seine Mutter ständig in den Ohren, dass er endlich heiraten sollte. Sie sehnte sich nach Enkeln, und da er zu ihrem