1. Kapitel
Frühjahr 1340
Es waren weder die Blitze noch das Grollen eines aufziehenden Unwetters, das Erin MacCrumbie aus dem Schlaf riss, sondern die Männer des Dorfes, die mit lautem Poltern und schweren Schritten nach Baille Glen zurückgekehrt waren. Irgendetwas schien sie in Aufruhr zu versetzen.
Ihr Vater, der Tacksman des Tals, war nach Castle Clamis geritten, um mit dem Chief über neue Bündnisse zu beraten. Sie war als einziges Kind sein Stellvertreter. Somit oblag es ihr, für Ruhe zu sorgen.
Erin warf die Decke zurück und erhob sich. Es war keine Zeit, sich die Tunika und Leinenhosen anzulegen, denn das Gelächter wurde immer lauter. Darunter mischten sich Schmerzensschreie, die sie zur Eile trieben. In ihrem bodenlangen Hemd rannte sie hinaus und erstarrte, als sie die Versammlung am Dorfplatz der kleinen Gemeinde entdeckte. Fünf Männer umzingelten einen am Boden liegenden Gefangenen. Weitere Clanmitglieder kamen aus allen Richtungen dazu.
Erin erkannte trotz der Dunkelheit ihre Gesichter. Es waren Michael, Ewan, Rob und die Brüder Gregor und Logan. Sie waren zur Wache eingeteilt gewesen und hatten offensichtlich einen Spion entdeckt. Oder jemanden, den sie dafür hielten. Sie dachte an Aidan. War er wiederaufgetaucht? Lag er am Boden und wurde mit Tritten traktiert? Nein, der Gefangene war viel zu zierlich. Er besaß nicht Aidans breite Schultern, erst recht nicht dessen stattliche Größe. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Auch wenn sie nach wie vor nicht wusste, wohin Aidan verschwunden war.
„Was ist hier los?“, fragte Erin mit fester Stimme und ging auf die Versammlung zu. Niemand reagierte. Alle waren auf den Gefangenen fixiert, der sich wie ein Wurm im Dreck wand.
„Ich fragte, was ist hier los?“, brüllte Erin mit Inbrunst. Sie hatte sich antrainiert, tiefer und lauter zu sprechen, wenn sie als Stellvertreterin des Tacksman fungierte.
Die Männer hielten inne. Für einen Moment war es völlig ruhig. So ruhig, dass Erin ihren eigenen Herzschlag in ihren Ohren hörte.
Sie straffte die Schultern und schritt auf den Gefangenen zu, den die Männer mit einem dicken Strick an Händen und Füßen gefesselt hatten. Der Schein des Feuers, welches immer auf dem Dorfplatz loderte, ließ sie die Schwellungen in seinem Gesicht erkennen. Offenbar hatte man ihn auch geschlagen.
Das war jedoch nicht das, was Erin beunruhigte. Viel mehr war es das kleine, sternenförmige Muttermal unter seinem linken Auge.
Dolina, die Tochter des Chiefs, hatte ihr von dem Jungen erzählt, den sie bei Verhandlungen auf Castle Clamis getroffen und in den sie sich heimlich verliebt hatte. Er sei schüchtern, aber geheimnisvoll und unerreichbar für sie, und er trug jenes sternenförmige Muttermal, an dem sie ihn immer erkennen würde, auch wenn er eines Tages ein Mann geworden war. Ein Sternenmal blieb fürs Leben. Und dieses Sternenmal zierte An