Julia Metternich stieg von ihrem Moped, nahm den Helm ab und atmete tief durch. Was für ein schöner Morgen! Es waren schon dreiundzwanzig Grad und die Sonne strich sanft über ihre Wangen. Die junge Frau liebte Saint Tropez zu dieser Jahreszeit. Frischer Wind wehte von der Küste herüber. Es war ein Segen, dass das Luxushotel La Belle direkt am Jachthafen lag. So war selbst bei Hochtemperaturen immer für frische Luft gesorgt.
Julia schloss das Moped, das eigentlich Ihrer Vermieterin gehörte, an und ging auf das prachtvolle Gebäude zu, das imposant über allen Häusern aufragte. Hier stiegen gern Promis und der Adel ab. Fünf Sterne nannte es sein Eigen. Und die Zimmerpreise waren entsprechend hoch, sodass sich nur Auserlesene einen Aufenthalt leisten konnten.
Welch Glück, das alles mit dem Praktikum im La Belle geklappt hatte. Ganz spontan hatte sie eine Initiativbewerbung verschickt und war prompt angenommen worden. Sicherlich hatte es eine Rolle gespielt, dass Julias Eltern Hoteliers waren und ein kleines, aber feines Wellnesshotel im schönen Moseltal betrieben.
Die Leitung eben jenes Hotels hätte der Planung ihrer Eltern nach eigentlich ihr älterer Bruder Gero eines Tages übernehmen sollen. Doch mit seinen achtundzwanzig Jahren war er urplötzlich von der Idee beseelt gewesen, eine eigene Werbeagentur in Berlin aufzumachen. Und genau das hatte er getan.
Die Folge war, dass nun ausgerechnet das Familiennesthäkchen Julia in die Fußstapfen ihrer Eltern treten sollte. Allerdings war das Vertrauen ihrer Familie nicht allzu groß in sie. Immerhin war sie erst einundzwanzig Jahre jung, somit unerfahren, und hatte sich bisher eher dadurch verdient gemacht, keine Party auszulassen, anstatt sich für den Familienbetrieb zu interessieren.
Aber Julia war bereit, ihre Verantwortung zu übernehmen, ihre Eltern stolz zu machen und sowohl ihnen als auch sich selbst zu beweisen, dass sie sehr wohl geeignet war, ein Hotel zu leiten. Eben darum machte sie nun das Praktikum im La Belle.
Sie betrat die Lobby und bestaunte die abstrakte Kunst und bizarren Skulpturen, die plötzlich die Eingangshalle zierten. Im Vorfeld hatte es ein Rundschreiben gegeben, dass der französische Künstler Simon du Monde das La Belle ausgewählt hatte, um seine neuesten Werke zu präsentieren. Julia musterte die Gestalten aus Glas und anderem Material voller Neugierde. Aber was sie genau darstellten, das wusste sie nicht zu bestimmen. In einer Skulptur erkannte sie eine verschnörkelte Frau, die allerdings drei Arme hatte. Oder drei Beine. Je nachdem, wie man es betrachtete.
Nein, Julia konnte mit dieser Art von Kunst nicht viel anfangen, aber es war trotzdem sehr aufregend, dass solch ein renommierter Ausnahmekünstler seine Werke hier zeigte. Auch die Gäste schienen begeistert von den außergewöhnlichen Gebilden. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie eine junge Frau neben einer Statue posierte, und ihr Freund ein Foto davon schoss.
»Guten Morgen«, grüßte Julia die Auszubildende Emanuelle an der Rezeption im perfekten Französisch. Ihre guten Sprachkenntnisse hatten Julia schnell Zugang zu den Kollegen gewährt, als sie vor etwas mehr als zwei Monaten ihr Praktikum aufg