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Wirklichkeit oder Märchenland?
Ohne zu überlegen, entschied sich Göran für das Märchenland, weil dort bekanntlich Wünsche erfüllt werden. Vor seinem inneren Auge bewegte sich ein lockendes Trugbild, eine Fata Morgana erotischer Spiele. Seine Vorstellung gaukelte ihm für das Wochenende in den schönsten Farben die Erfüllung seiner geheimen Wünsche vor. Keinen Gedanken verschwendete er daran, dass er die nahe Zukunft viel zu bunt ausmalen, die Zukunft nur ein zartes Gespinst sein könnte. Er war also noch völlig ahnungslos, wie die nächsten Tage verlaufen würden.
Seinen Geländewagen hatte er vor dem Blockhaus abgestellt und war im dämmrigen Grau des frühen Nachmittags zuerst durch den tiefen Schnee zum Anbau gestapft. Im Schein einer Lampe hatte er den Generator überprüft, gestartet und nach kurzer Wartezeit den Schalter für den Strom umgelegt. Dann hatte er durch die Hintertür das Haus betreten, das Licht eingeschaltet, einen ersten Rundgang gemacht. Anschließend brachte er in einem großen Korb Holz herein, heizte den Kamin im Wohnraum, die Öfen unten und in der oberen Etage sowie im Anbau, danach klappte er von außen die Läden auf. Schaute einen Moment in den dichten Wirbel der Schneeflocken. Die ganze Zeit bastelte er sich bester Laune als Regisseur fantasievolle Szenen mit Nadja zurecht. Nadja, die Freundin Eriks, des freien Mitarbeiters ihrer Werbeagentur, spielte die Hauptrolle in seinem fiktiven Drehbuch. Wenn er diese aparte, für ihn so erregende, attraktive Frau sah, dann wurde ihm jedes Mal ganz anders. Sein Verlangen hatte weitere Nahrung bekommen, als sie ihm neulich auf eine verdammt zweideutige Art zulächelte. Falls dieser Blick ihrer schrägen grünen Katzenaugen keine Einladung war, dann verstand er nichts mehr von Frauen. Was ihn bisher auf Abstand zu Nadja gehalten hatte, war allein die niedrige Mauer der Liaison zwischen ihr und Erik. Aber an diesem Wochenende würde sich die Gelegenheit bieten, klare Verhältnisse zu bekommen; er, Göran, würde auf seine Art Klarheit schaffen. Darum war er auf Olovs Vorschlag, mitzufahren überhaupt eingegangen.
Mit seinem schweren Wagen hatte es bei der Herfahrt keine Probleme gegeben. Gut, er durfte den Fuß nicht zu stark und zu lange auf dem Gaspedal stehen lassen (wie es seine Stimmung eigentlich verlangt hätte), denn das Schneetreiben war doch zu heftig, die Sicht zu schlecht. Die ruhige Verkehrslage war bei diesem Wetter allerdings ein willkommener Umstand. Seit er losgefahren war, also seit gut 100 Kilometern, waren ihm gerade mal vier Autos entgegengekommen. Ein Wagen war ziemlich lange hinter ihm hergefahren, bis die Scheinwerfer, als er wieder mal in den Rückspiegel blickte, plötzlich nicht mehr zu sehen waren. Jetzt auf den Landstraßen unterwegs zu sein, war keine wirklich wahre Freude. Der Schnee reflektierte das Licht und jetzt im Winter war es zumeist ohnehin fast dunkel, zudem tanzten die weißen Flocken vor einem bläulichen Samtvorhang. Endlich hatte er dann den kleinen Ort erreicht, war also fast an seinem Ziel, rollte durch die menschenleeren Straßen, die Straßenlaternen hatten eine gelbliche Korona, und nahe der einzigen Kreuzung stand ein Streifenwagen vor einer Drogerie. Nicht weit entfernt von den letzten Häusern erstreckte sich rechts voraus der See, auf dessen gegenüberliegender Seite das Blockhaus nahe am Ufer stand. Wenn er nach wenigen Kilometern links die hohe Hecke erkennen würde – sie wirkte bei diesem Licht regelrecht wie eine schwarze Mauer, hinter der sich der alte Lappenfriedhof versteckte – musste er nach rechts in den Weg einbiegen. Er gab sich selbst den Befehl, im Schritttempo vorwärts zu rollen, was so gar nicht seiner Natur entsprach, aber er wollte nun mal die Zufahrt nicht verpassen. Auf dem Weg half ihm der Vierradantrieb, der den schweren Wagen sicher durch den recht hohen Schnee pflügte, während sich rechts und links der Wald hinzog.
Einen Augenblick lang blieb er noch in der Tür stehen, nachdem er die vier Kisten mit Lebensmitteln aus dem Wagen geholt, ins Haus und gleich in die Küche gebracht hatte. Er blickte in das weiße, fliegende Schneechaos und fragte sich mit einem halben Gedanken, warum Olov unbedingt, fast dickköpfig, darauf bestanden hatte, an solch einem Woc