: Carmen-Francesca Banciu
: Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten
: PalmArtPress
: 9783962580230
: 1
: CHF 15.30
:
: Erzählende Literatur
: German
: 376
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2018! Die Kindheit endet tatsächlich erst dort, wo die Geschichte unserer Eltern zur eigenen Geschichte wird und wir vor ihren wie vor den eigenen Abgründen die Augen nicht mehr verschließen können. Maria-Maria reist nach Rumänien, um ihren verunglückten Vater zu besuchen und ihn, trotz seiner besitzergreifenden Geliebten, zu betreuen. In seinen Augen hat sie, die Tochter, die reale Utopie der kommunistischen Gesellschaft verraten. Sie wiederum erkennt in ihm ausschließlich den festgefahrenen Parteirhetoriker, der sich als moralische Instanz aufspielte, anderen Opfer abverlangte, aber selbst ein bigottes Leben führte. Der neue Roman von Carmen-Francesca Banciu handelt vom Tod eines vermeintlichen Patrioten, für den Vaterland, Partei und der Aufb au einer neuen Gesellschaft stets den wichtigsten Platz in seinem Leben einnahmen und von der Liebe, die man sich von den Eltern erhofft, die einem versagt bleibt, und die man selbst zu geben vielleicht nicht imstande ist. Sie spürt der Frage nach, wie man Abschied von den Eltern nehmen, wie man mit ihren Lebenslügen umgehen kann, und welche persönliche Veränderung man dabei erfährt. Die versartige Sprache des Romans überträgt die Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen direkt auf die Leser, die dadurch Teil des Erzählten werden. Banciu beobachtet das Sterben des Vaters, sie horcht und wartet. In der Wiederholung entfalten die Worte ihre Suggestivkraft. Banciu umkreist ihre Figuren, schöpft aus Erinnerungen wie aus einer geteilten Gegenwart. Ein Wort zieht das nächste nach sich. Man erlebt, wie sich Gedanken formen und wie sie wieder in sich zusammenstürzen. Ihr Abgesang auf die ideologische Überhöhung der Familie, der Partei und des Vaterlandes steckt voller Mut und Aktualität.

Carmen-Francesca Banciu, im rumänischen Lipova geboren, studierte Kirchenmalerei und Außenhandel in Bukarest. Die Verleihung des Internationalen Kurzgeschichtenpreises der Stadt Arnsberg für die Erzählung Das strahlende Ghetto (1985) hatte für sie ein Publikationsverbot in Rumänien zur Folge. Sie kam 1991 ihren drei Kindern nach Deutschland auf Einladung des Künstlerprogramms des DAAD. Seit 1992 lebt sie als freie Autorin in Berlin, schreibt Beiträge für Rundfunk und Zeitungen, leitet Seminare für Kreativität und kreatives Schreiben. Ihre Bücher sind erschienen bei den Verlagen: Rotbuch Berlin, Rotbuch Hamburg, Volk und Welt, Ullstein Berlin und PalmArtPress. Seit 2013 ist sie Mitherausgeberin und stellvertretende Direktorin des transnationalen, interdisziplinären und mehrsprachigen e-Magazins Levure Littéraire. Banciu erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Ihre Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Für den Deutschen Buchpreis 2018 wurde 'Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!' nominiert.

4.


Das Sterben geht langsam voran

Manchmal stockt es

Wie beim Verkehr

Beim Straßenverkehr

Vater hat im Straßenverkehr nicht aufgepasst

Wohin wolltest du so eilig

Vater sagte

Ich bin immer in Eile

Jetzt muss Vater langsam sein

Viel langsamer

Immer langsamer

Bis die Uhren

Alle seine Uhren stehen bleiben

Vaters Hauptuhr hält noch Schritt

Gleichmäßigen Schritt

Sie ist funkgesteuert

Die Batterie wird mindestens fünf Jahre halten

Vater sagt

So viel Schmerz

Warum muss ich so viel Schmerz erdulden

Ich will das nicht

Ich will nichts mehr

Aber die Uhr

Die Hauptuhr läuft weiter

Noch fünf Jahre

Könnte Vater im Bett liegen

Noch fünf Jahre

Könnte Vater jeden Tag mit dem Tod ringen

Noch ganze fünf Jahre

Könnte Vater schimpfen und fluchen

Und mit dem Leben kämpfen

Noch fünf Jahre

Könnte Vater im Bett liegen

Auf dem Rücken liegen

Ausgeliefert, wie ein Käfer

Noch fünf Jahre lang könnte sich Vater wund liegen

Am Rücken und am Hintern

Vater hat keinen Hintern mehr

Er ist nur noch ein Sack voll Knochen

Ein Sack

In dem die Hoden verloren herumrollen

Da sind Vaters Hoden

Da ist Vaters Samen, aus dem ich stamme

Vaters Samen

Wen hat er sonst noch befruchtet

Außer Mutter

Vater liegt im Bett und sagt

Ich esse nicht

Das Essen bringt mein ganzes System durcheinander

Jeden Tag spricht Vater von seinem System

Sein System ist blockiert

Vater kann sich nicht entleeren

Vater liegt im Bett und wird klistiert

Mit Mühe kommt heraus

Was ohne Hilfe stockt

Die Pflegerin beachtet mich nicht

Sie beachtet auch Vater nicht

Sie achtet auf seinen Stuhlgang

Vaters Stuhl ist hart wie Stein

Die Pflegerin erledigt alles

Mit kurzen, schnellen Bewegungen

Vater liegt auf dem Rücken

Er kann nichts weiter tun

Das Fleisch wackelt

Die Haut hängt

Die Hoden wanken

Wie verschreckt

Verloren im baumelnden Hodensack

Vaters Gesäß nur Haut und Knochen

Vaters Schamhaar spärlich

Reste nur

Weiß und dünn

Diese Schamhaare

Haben seine Geliebten gesehen

Diese Schamhaare

Haben seine Geliebten liebkost

Geküsst

Seine unzähligen Geliebten

Eine Kette von ewig treuen Geliebten

Eine Kette von ewig treuen Geliebten

Männer sollen viele Geliebte haben

Dann erst sind sie richtige Männer

So geht die Mär in meines Vaters Land

Und Frauen sollen keine Geliebten haben

Keinen einzigen

Dann