: Stephen King
: Erhebung Roman
: Heyne Verlag
: 9783641237516
: 1
: CHF 3.60
:
: Science Fiction, Fantasy
: German
: 144
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Scott nimmt rasend schnell ab. Sein korpulentes Aussehen ändert sich trotzdem nicht. Und noch unheimlicher: Wenn er auf die Waage steigt, zeigt sie jeweils das gleiche Gewicht an, egal wie viel er momentan trägt, ob Kleidung oder gar Hanteln. Scott hat Angst, dass man ihn zum medizinischen Versuchskaninchen macht. Aber er muss es jemand erzählen. Zu Dr. Ellis hat er Vertrauen, aber auch der weiß keinen Rat.

In seiner netten Wohngegend in der Kleinstadt Castle Rock gerät Scott in einen eskalierenden Kleinkrieg. Der Hund der neuen Nachbarn – zwei Lesben – verrichtet sein Geschäft ständig bei ihm im Vorgarten. Die eine Frau ist eigentlich recht freundlich, die andere aber eiskalt. Die beiden haben gerade ein Restaurant eröffnet, von dem sie sich viel erhoffen. Die Einwohner von Castle Rock wollen aber nichts mit Homopaaren zu tun haben, da ist großer Ärger vorprogrammiert. Als Scott endlich kapiert, was Vorurteile in einer Gemeinschaft anrichten, überwindet er den eigenen Groll und tut sich mit den beiden zusammen. Merkwürdige Allianzen, der jährliche Stadtlauf und Scotts mysteriöses Leiden fördern bei sich und anderen eine Menschlichkeit zutage, die zuvor unter einer herzlosen Bequemlichkeit vergraben lag.

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis fürMr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.

Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.

Scott Carey klopfte an die Tür der Eigentumswohnung, und BobEllis (den alle in Highland Acres immer noch Doctor Bobnannten, obwohl er seit fünf Jahren im Ruhestand war) ließihn herein. »Na, Scott, da bist du ja. Pünktlich umzehn. Was kann ich für dich tun?«

Scott war ein stattlicherMann, eins dreiundneunzig in Socken, mit einer anständigen Wampe. »Dasweiß ich auch nicht recht. Wahrscheinlich gar nichts, aber … ichhabe ein Problem. Hoffentlich kein großes, aber vielleicht doch.«

»Eines, worüberdu mit deinem regulären Arzt nicht sprechen willst, ja?« Mitseinen vierundsiebzig Jahren hatte Ellis schütteres silberweißes Haar und hinkteein bisschen, was ihn auf dem Tennisplatz allerdings kaum behinderte.Da hatten er und Scott sich kennengelernt und angefreundet. EngeFreunde waren sie wohl nicht, aber Freunde auf jeden Fall.

»Ach, bei dem war ich schon«, sagte Scott. »Zur Vorsorgeuntersuchung, die längst überfällig war. Blutbild,Urin, Prostata, das ganze Programm. Alles in Ordnung. Der Cholesterinspiegelist ein bisschen hoch, aber noch im grünen Bereich. Ichhatte mir nämlich Sorgen wegen Diabetes gemacht. Im Internet stand,das wäre am wahrscheinlichsten.«

Abgesehen von den Klamotten jedenfalls. Die Sachemit den Klamotten fand sich auf keiner Website, ob medizinischoder sonst wie ausgerichtet. Mit Diabetes hatte das bestimmt nichts zu tun.

Ellis führte ihn ins Wohnzimmer, von dessengroßem Erkerfenster man einen Blick auf das vierzehnte Grün derWohnanlage in Castle Rock hatte, wo er mit seiner Fraujetzt lebte. Gelegentlich spielte er eine Runde, hielt sich jedocheher an Tennis. Für Golf begeisterte sich seine Frau, wasnach Scotts Vermutung der Grund war, weshalb die beiden hierwohnten, wenn sie nicht gerade den Winter in einer ebenfallssportlich orientierten Anlage in Florida verbrachten.

»Falls du Myra vermissen solltest,die ist in ihrer methodistischen Frauengruppe«, sagte Ellis. »Glaube ichwenigstens, es kann auch irgendein städtischer Ausschuss sein. Morgen fährtsie jedenfalls nach Portland, wo sich die Mykologische Gesellschaft vonNeuengland trifft. Die Frau schwirrt durch die Gegend wie einewild gewordene Hummel. Zieh deine Jacke aus, setz dich und sagmir, worum es geht.«

Obwohl es erst Anfang Oktober und nichtbesonders kalt war, trug Scott seinen North-Face-Parka. Er zog ihnaus und legte ihn neben sich auf das Sofa. Inden Taschen klimperte es.

»Wie wär’s mit einem Kaffee? Oder Tee?Außerdem ist vom Frühstück noch Gebäck da, glaube ich, falls …«

»Ich nehme gerade ständig ab«, sagte Scott unvermittelt. »Darum bin ich hier. Die Sache istirgendwie ziemlich komisch. Früher habe ich mich vor der Waageim Bad immer gedrückt, weil die mir in den letztenzehn Jahren oder so nichts Erfreuliches mitgeteilt hat. Jetzt stelleich mich gleich morgens früh drauf.«

Ellis nickte. »Ich verstehe.«<