KAPITEL 1
Der schnellste Weg vom Logan Airport ins Zentrum von Boston führt durch den anderthalb Kilometer langen Sumner-Tunnel. Mit ihrer niedrigen Decke wirkt diese dunkle und feuchte Röhre, als wäre sie vor hundert Jahren gebaut worden, und tatsächlich ist sie auch fast so alt. Am Freitag, dem 24. April, einem warmen Frühlingsabend, ging einem Studienanfänger an der Boston University auf halber Strecke im Sumner das Benzin aus, wodurch der Berufsverkehr auf nur mehr einer Fahrspur statt der üblichen zwei vorwärtskroch. Kate Priddy, die noch nie in Boston gewesen war und nicht damit gerechnet hatte, in einem Tunnel unter dem Hafen festzustecken, geriet auf dem Rücksitz eines Taxis in Panik.
Es war nicht ihre erste Panikattacke, es war nicht einmal die erste an diesem Tag. Die hatte sie am Morgen ereilt, als sie aus ihrer Wohnung im Londoner Stadtviertel Belsize in eine kalte graue Dämmerung getreten war. Plötzlich war ihr der Wohnungstausch als die schlechteste Idee vorgekommen, auf die sie sich jemals eingelassen hatte. Aber sie hatte ihre Atemübungen gemacht, ihr Mantra heruntergebetet und sich ermahnt, dass es für einen Rückzieher jetzt wohl zu spät war. Ihr Cousin zweiten Grades, dem sie nie persönlich begegnet war, saß in diesem Augenblick in einem Nachtflug von Boston nach London. Er übernahm ihre Wohnung für ein halbes Jahr, während sie in seinem Apartment in Beacon Hill unterkommen würde.
Doch diese Attacke nun, als das Taxi in dem dunklen Tunnel festsaß, war die weitaus schlimmste seit Langem. Die feucht glänzende, endlose Röhre kam Kate vor wie das Innere einer riesigen Würgeschlange, und sie spürte, wie sich ihr Magen umdrehte und ihr Mund trocken wurde.
Das Taxi ruckelte vorwärts. Auf dem Rücksitz roch es nach Körperausdünstungen und der blumigen Note eines Lufterfrischers. Kate hätte gern das Fenster heruntergelassen, wusste aber nicht, ob das in amerikanischen Taxis erlaubt war. Ihr Magen drehte sich wieder um und verkrampfte sich.Wann war ich das letzte Mal auf der Toilette?, überlegte sie, und die Panik wurde noch ein klein wenig größer. Es war ein vertrautes Gefühl: Das Herz raste, die Gliedmaßen wurden kalt, ihr Blickfeld verengte sich. Aber sie wusste, was sie zu tun hatte, hörte die Stimme ihrer Therapeutin in ihrem Ohr:Es ist nur eine Panikattacke, ein zufälliger Adrenalinstoß. Sie kann Ihnen nichts anhaben, sie bringt Sie nicht um, und sie wird niemandem auffallen. Lassen Sie es einfach zu. Kämpfen Sie nicht dagegen an. Warten Sie, bis es vorbei ist.
Aber diesmal ist es anders, sagte sich Kate. Die Bedrohung fühlte sich sehr real an. Und plötzlich kauerte sie wieder in dem verschlossenen Schrank im Cottage in Windermere, das Nachthemd nass von Urin, und George Daniels war auf der anderen Seite der Tür. Sie fühlte sich beinahe so, wie sie sich damals gefühlt hatte: kalte Hände bohrten sich in ihren Körper und verdrehten ihre Eingeweide wie ein feuchtes Geschirrtuch. Dann der Schuss und diese furchtbare Stille, die Stunden um Stunden anhielt. Als man sie schließlich aus dem Schrank gezogen hatte, waren ihre Gelenke steif und ihre Stimmbänder wund vom Schreien gewesen. Sie hatte sich nicht erklären können, wieso sie noch am Leben und nicht vor Angst gestorben war.
Ein lautes Hupen riss sie aus ihren Gedanken. Sie schob die Erinnerungen an George und Windermere beiseite und atmete so tief ein, wie sie