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Stunde null
Ein kurzer Augenblick der Unachtsamkeit, und auf einmal erscheint dieses Bild, diese Idee, die dich begreift, aber du sie nicht. Dieses Irgendwas, das deinen nächsten Schritt überwacht. Und bevor man dieEscape-Taste drücken kann, installiert sich das Programm und schreibt sich in die persönliche Konfigurationsdatei. Ändert alles.
Robert Wagner starrte durch die verglaste Platte im Mauerwerk. Der hässliche Ausschnitt Betonbauästhetik auf der anderen Straßenseite war eine Beleidigung für die Augen. Wo hörte der Schmerz auf? Hier? Zwischen diesen Wänden? Der Wasserstrahl schoss aus dem Hahn und knallte ins Waschbecken, um sofort wieder im Abfluss zu verschwinden. Der Schmerz hörte immer da auf, wo er begann. Immer kehrte er zu seinem Ursprung zurück. Wenn er überhaupt je wanderte. Wagner drückte sich mit hohler Hand kaltes Wasser ins Gesicht. Weniger ein Waschen, mehr ein Klarwerden. Ein Blick in den Spiegel, nasse Strähnen klebten auf der Stirn, Tropfen liefen die Wangen hinunter. Um ihn herum war alles still und weiß. Im Spiegel starrte er in seine leeren Augen. Waren sie jemals voll gewesen? Keine Antwort. Stattdessen stellte das Spiegelbild die gleiche Frage. Er schloss die Lider und erhoffte sich eine universelle Ruhe, unbehelligt von Erinnerungsspuren und Erwartungsplänen. Sie kam nicht. Durchs Fenster verkündeten die Kirchturmglocken die nächste volle Stunde. Jeder Schlag eine Mahnung. Die Zahnbürste tötete die Bakterien der Nacht und stellte die innere Sicherheit wieder her. Zumindest im Mundraum.
Wagner atmete tief durch, strich die blonden Haare zurück auf den Kopf und ging in die Küche. Er zog die Teezange aus dem Becher und klopfte die aufgeweichten Blätterkrümel in den Müll. Das grüngelbe Wasser schwitzte. Die Uhr am Herd digitalisierte die aktuelle Zeit als symmetrisches Symbol: eins, null, Doppelpunkt, null, eins.
Der alte Holzstuhl wackelte. Wagner streckte die Füße aus, verschränkte die Arme hinter dem Kopf, drückte seinen Rücken durch. Gleichmäßig ging die Luft in den Körper hinein, dann wieder hinaus. Die Nervosität hatte sich gelegt. Der Tee wärmte die große Ruhe, die durch ihn hindurchströmte. Er pustete sanft in seinen Becher und schloss die Augen. Der Duft von frischem Heu wickelte sich um die Gedanken an die anstehende Erneuerung, an das erwartbare Wunder, das er in die Welt zu tragen beabsichtigte.
Im stumm geschalteten Fernseher schlug der Bundeskanzler immer wieder mit der Faust auf das Rednerpult und wirkte sehr engagiert. Auf seiner Stirn und am Hals traten die Adern deutlich hervor. Ein surreales Bild, so ganz ohne Ton. Hinter ihm leuchtete ein grünes Banner, auf dem in weißer Schrift eine öffentlichkeitswirksame Parole prangte: „Gesellschaftliches Wohlergehen steigern, statt nur wirtschaftliches Wachstum för