Dieses Mal war es das Gesangbuch der katholischen Kirche. Monsieur Dupont holte aus und knallte es mir mit einer Präzision hinter die Ohren, die eine langjährige Erfahrung im Bücherhinterdieohrenknallen bewies. Gebetsbücher, Dichtungen und Abenteuerromane von Jules Verne – ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits alles um den Kopf gehauen bekommen, eine Woche zuvor sogar die Bibel. Doch das Gesangbuch lag heute näher, Monsieur Dupont hatte es ohnehin in der Hand gehalten.
»Wir waren also mal wieder zu faul, das Lied anständig einzuüben, und halten lieber den ganzen Chor auf, wie?«, schimpfte er und machte ein Gesicht, als wolle er am liebsten noch einmal ausholen. Ich kniff die Augen zusammen, hob die Schultern und betete, dass ich hinter den Ohren irgendwann eine Hornhaut entwickeln würde, so wie ich damals Hornhaut an den Fingern bekommen hatte, als ich einen Sommer lang beim Zäuneziehen half, ebenfalls auf Vaters Wunsch.
Ora pro nobis pecatoribus
Ora, ora pro nobis
Ora, ora pro nobis pecatoribus
Ich kannte den Wortlaut auswendig, schwierig war er schließlich nicht. Immer nur ora, ora, ora und so weiter, nicht sehr einfallsreich. Aber die Töne wollten mir in letzter Zeit einfach nicht mehr gelingen. Monsieur Dupont wusste das. Er wusste es, und trotzdem zwang er mich dazu, laut zu singen. Als hätte ich mich nicht absichtlich darum bemüht, die Wörter nur unauffällig mit den Lippen nachzuformen. So laut hatte ich singen müssen, dass alle anderen die Kiekser gehört hatten, die meine Stimme machte.
»Nein, Monsieur. Es tut mir leid, Monsieur«, sagte ich leise, und wieder quiekten die Worte aus mir heraus, als hätte ich Schluckauf. Ich konnte den Mund nicht aufmachen, ohne dass ein unkontrollierbarer Ton herauskam. Die anderen Jungen im Chor lachten.
»Du hältst das wohl für lustig, wie?«
»Nein, Monsieur.«
Er gab ein Geräusch von sich, das klang, als würde ein Hund niesen.
»Und wenn ich dir sage, dass du den Nachmittag hierbleibst und das Lied einstudierst, und zwar so lange, bis es klappt, findest du es auch noch lustig, wie?«
Ich kniff die Lippen zusammen. Ich hatte keine Lust, den Nachmittag zu bleiben. Ebenso wenig, wie ich am Morgen hatte herkommen wollen. Ich wollte viel lieber in die Bibliothek gehen und sehen, ob ich Gérard traf.
Ich schob die geschlossenen Lippen zwischen die Zähne und biss aufs Fleisch, bis es schmerzte. Gleich wirst du wieder losheulen, dachte ich verärgert, die Tränen sitzen dir doch schon im Hals. Und um mich abzulenken, fragte ich mich, warum das so war, warum man Tränen in der Kehle spürte, obwohl sie eigentlich aus den Augen kamen.
»Ich kann dich nicht verstehen, wie?«
»Nein, Monsieur. Ich danke Ihnen, Monsieur«, kiekste ich, und die Jungen kicherten. Natürlich musste ich den Nachmittag in der Kirche verbringen.
Die Sonne fiel durch das Portal und zeichnete Punkte auf den kalten Steinboden. Sie rotteten sich zusammen wie eine Schar bunter Käfer. Ich sah mich verstohlen um, um sicherzugehen, dass mich niemand beim Denken solcher Dinge beobachtete. Rührseligkeiten, würde mein Vater sagen, Gefühlsduseleien. Ich zog das zusammengefaltete Schulheft unter meinem Ministrantengewand hervor. Auf der letzten Seite hatte ich Beobachtungen, Skizzen und kurze Gedichte eingetragen, die mir in den Sinn kamen, wann immer ich allein war. Sie ließen mir keine Ruhe, bi