: Rebecca Maly
: Das Lied des Paradiesvogels 1
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955309916
: 1
: CHF 1.80
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 80
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Hamburg, 1890. Die Zwillinge Thea und Daniel sind unzertrennlich. Als Daniel vom Vater auf eine Expedition in die deutschen Südseegebiete geschickt werden soll, erscheint allein der Gedanke an Trennung den Geschwistern kaum vorstellbar. Sie fassen einen Entschluss: Wenn sie gehen, dann nur gemeinsam und so schmieden sie einen gefährlichen Plan ... Auch der junge Hamburger Reeder Leopold Saarner macht sich mit dem Schiff auf den Weg nach Polynesien. Er muss auf der fernen Insel seinen unehelichen Halbbruder finden und zu seinem Vater bringen. Aber er hat eigentlich kein Interesse daran, sein Erbe zu teilen... Der in Richtung Südsee fahrende Dreimaster beherbergt die Hoffnungen, Wünsche und Ängste der Hamburger - es beginnt eine lange Fahrt in eine ungewisse Zukunft.

Rebecca Maly, geboren 1978, arbeitete als Archäologin und Lektorin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Die Kultur der Maori lernte sie bereits im Studium kennen, eine Faszination, die bis heute geblieben ist. Die Autorin kann sich nichts Schöneres vorstellen, als ferne Länder zu bereisen und deren Kultur kennen zu lernen. Unter ihrem realen Namen Rebekka Pax hat sie bereits erfolgreich mehrere Romane veröffentlicht.

KAPITEL 1


Hamburg 1884

Dorothea zog die schweren, dunkelgrünen Brokatvorhänge zurück. Sofort wurde der gesamte Raum mit Sonnenlicht geflutet. Sie blinzelte mehrfach, bis sich ihre Augen daran gewöhnt hatten. Die Fenster reichten von der Decke bis zum Fußboden und stammten ursprünglich aus einer Orangerie, in der vornehme Herrschaften einst exotische Pflanzen aus aller Herren Länder gepflegt hatten. Nun gehörten sie hierher, als wäre es nie anders gewesen. Vater hatte sie gebraucht gekauft und für sein Fotostudio verbauen lassen.

Ihr Bruder Daniel schätzte das natürliche Licht für seine großflächige Malerei, die er im Nachbaratelier betrieb. Dort entstanden die aufwendigen Kulissen für Vaters Porträtfotografie, für die er mittlerweile weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt war.

Daniel bekam Dorotheas Meinung nach viel zu wenig Anerkennung. Ihm schien das nichts auszumachen. Er ging ganz in seiner Kunst auf, ganz gleich, was andere darüber dachten.

Dorothea sah sich im Atelier um. Hier musste noch viel erledigt werden, bevor die Kundschaft kam.

Im hereinfallenden Licht tanzte der Staub wie Schwärme winziger Insekten. Sie öffnete die Fenster, um ihn von einer frischen Brise vertreiben zu lassen, und musste prompt niesen.

Mittlerweile überließ Vater es ihr hin und wieder, eine Kulisse für die Porträts auszusuchen. Heute sollte eine Familie kommen: Vater, Mutter und zwei Söhne. Dorothea ging zu einem großen, eigens angefertigten Ständer, in dem die Hintergründe aufbewahrt wurden.

Daniel hatte sein ganzes Talent in die Malereien gelegt. Es gab weite Blumenwiesen, Berglandschaften, Seen, aber auch Straßenansichten und anderes. Schließlich wählte sie die Gartenansicht irgendeines Schlosses, mit geometrisch geschnittenen Hecken und Büschen, deren lineare Anordnung der Fotografie später Tiefe verleihen würde.

Auf einer Leiter stehend, befestigte sie zuerst die Leinwand, dann einen schweren Vorhang, der diese zum Teil verdeckte und so das Augenmerk auf die Familie lenken würde. Davor stellte sie einen schlanken Tisch mit einer kleinen Karaffe und zwei Stühle. Fertig.

Sie trat zurück und musterte ihr Werk. Noch ein Stückchen zurück, bis sie neben der großen Kamera ihres Vaters stand. Beinahe zärtlich strich sie über das lackschwarze Gehäuse. Sie wusste genau, wie sie damit umzugehen hatte, wie sie Nass- oder Trockenplatten einlegen musste.

In ihren Träumen war sie eine berühmte Fotografin. Doch in der Realität würde das niemals passieren. Eher würde sie die Ehefrau eines solchen und, wenn sie Glück hatte, dort die gleichen Handlangerdienste vollbringen dürfen wie jetzt.

„Irgendwann“, flüsterte Dorothea der Apparatur zu, „irgendwann.“ Dann widmete sie sich wieder ihrer Aufgabe und brachte das Atelier so weit in Ordnung, dass die Kunden kommen konnten.

Mit einem Seufzer kehrte sie dem Raum den Rücken und folgte dem Geruch von Ölfarben durch einen schmalen Flur in das Reich ihres Bruders.

Daniel saß konzentriert an seinem Schreibtisch und schien sein Werk zu bewachen wie ein Greifvogel, der seine Beute mit ausgebreiteten Flügeln schirmte.

Eine Weile sah sie ihm zu, und es wurde ihr wieder einmal klar, wie lieb sie ihn hatte. Sie hatten von jeher alles geteilt, nicht nur den Leib ihrer Mutter. Ein unsichtbares Band schien zwischen ihnen gespannt, das sie empfänglich für