: Rebecca Maly
: Das Lied des Paradiesvogels 2
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955309923
: 1
: CHF 1.80
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 80
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Hamburg, 1890. Die Zwillinge Thea und Daniel sind unzertrennlich. Als Daniel vom Vater auf eine Expedition in die deutschen Südseegebiete geschickt werden soll, erscheint allein der Gedanke an Trennung den Geschwistern kaum vorstellbar. Sie fassen einen Entschluss: Wenn sie gehen, dann nur gemeinsam und so schmieden sie einen gefährlichen Plan ... Auch der junge Hamburger Reeder Leopold Saarner macht sich mit dem Schiff auf den Weg nach Polynesien. Er muss auf der fernen Insel seinen unehelichen Halbbruder finden und zu seinem Vater bringen. Aber er hat eigentlich kein Interesse daran, sein Erbe zu teilen... Der in Richtung Südsee fahrende Dreimaster beherbergt die Hoffnungen, Wünsche und Ängste der Hamburger - es beginnt eine lange Fahrt in eine ungewisse Zukunft.

Rebecca Maly, geboren 1978, arbeitete als Archäologin und Lektorin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Die Kultur der Maori lernte sie bereits im Studium kennen, eine Faszination, die bis heute geblieben ist. Die Autorin kann sich nichts Schöneres vorstellen, als ferne Länder zu bereisen und deren Kultur kennen zu lernen. Unter ihrem realen Namen Rebekka Pax hat sie bereits erfolgreich mehrere Romane veröffentlicht.

KAPITEL 6


DieNordstern legte an einem Regentag ab.

Wie ein düsteres Omen hingen schwarzgraue Wolken über dem Hafen. Daniel stierte von seinem Platz an Deck hinunter auf die Pier, wo sich knapp zwei Dutzend Menschen versammelt hatten. Darunter waren auch seine Eltern, die ihm diese Reise eingebrockt hatten.

Behände lösten zwei Hafenarbeiter die letzten Leinen. Neben ihm zog ein Matrose eines der schweren Taue ein und rollte es sorgfältig auf. Daniel musterte dessen sehnigen Körper verstohlen, dann wandte er schnell den Blick ab. Dass er den Mann kannte, war ein noch größeres Geheimnis als seine Schwester Thea, die als blinde Passagierin mit an Bord gelangt war.

Wie war er am Vortag erschrocken, als er sie ohnmächtig in ihrem Versteck, einer großen Holzkiste, vorgefunden hatte. Doch sie war schnell wieder zu sich gekommen und hatte ihn vor Freude umarmt. Ihre Flucht war gelungen. Die Nacht hatte sie alleine in der Kabine zubringen müssen und es tapfer durchgestanden.

Daniel hatte noch vor einer halben Stunde bühnenreif den exzentrischen Künstler gemimt, der es niemandem erlaubte, seine Kabine zu betreten, auch dem Reinigungspersonal nicht.

Damit sollte Thea sicher sein.

Gerüstet mit einem großen Vorrat Bücher, würde sie für die nächsten neun Wochen an den winzigen Raum gefesselt sein. Sie würde sich fühlen wie in einer Gefängniszelle. Doch er war sich sicher, dass sie auch das meistern würde, genau wie sie bislang für jedes Problem eine Lösung gefunden hatte. Sie war eine beeindruckend starke Persönlichkeit, oft stärker als er.

Ein Beben ging durch das Schiff, als die Dampfmaschinen im Inneren auf höhere Leistung gingen. Schwarzer Ruß mischte sich in den Regen und verschluckte zuerst einige Möwen, dann die winkenden Angehörigen auf dem Kai. Hin und wieder blitzte die Helligkeit eines Taschentuchs auf wie ein Morsezeichen.

Daniel wusste, wo seine Eltern standen. Er musste sie nicht genau erkennen, um zu wissen, welche Regenschirme zu ihnen gehörten. Zum Abschied hob er noch einmal die Hand, dann zog er seine Mütze tiefer in die Stirn und verließ seinen geschützten Platz neben dem abgetakelten Hauptmast. Gegen Regen und Wind gebeugt, hastete er zur Luke. Das Metallschott sah beinahe aus wie eine normale Tür, doch es konnte nicht verhehlen, dass es für Stärkeres gebaut war als für ein laues Lüftchen im Hamburger Hafen.

Im Inneren schlug ihm schon jetzt stickige Luft entgegen. Ein Vorgeschmack auf das, was ihn, aber vor allem Thea, in den kommenden Wochen erwartete.

***

Immer, wenn Thea auf dem Flur vor der Kabine Schritte hörte, beschleunigte sich ihr Puls. Nach dem ersten Schreckmoment erkannte sie aber, dass es dieses Mal Daniel war. Trotzdem stellte sie sich so hin, dass sie bei einem zufälligen Blick aus dem Flur nicht zu sehen war.

Er schloss auf und schüttelte sich wie ein nasser Hund, wortlos trat er ein und drückte die Tür zu. Erst dann wagte Thea, das Schweigen zu brechen. „Wie war es?“, fragte sie leise und versuchte, die Traurigkeit nicht an sich heranzulassen. „Ich hätte mich so gerne richtig von Mama verabschiedet.“

Daniel nickte. „Sie hat sehr geweint. Aber glaub mir, Thea, sie hätten dich niemals gehen lassen. Und du hättest es dann auch nicht über dich gebracht.“

„Ich weiß“, seufzte sie und trat vorsichtig an das winzige Bullauge. Draußen zogen die Kaimauern entlang. Reihe um Reihe von Hölzern, b