1. KAPITEL
„Nein, Mutter, ich kann dir noch nicht sagen, wann ich nach Lelant komme.“ Emilia schloss genervt die Augen und hielt sicherheitshalber ihr Smartphone ein bisschen weiter weg von ihrem Ohr.
„Aber wie redest du denn? Man könnte ja meinen, Lelant sei nicht dein Zuhause. Du bist schon seit Monaten in Frankreich“, kam es vom anderen Ende der Leitung.
„Ich arbeite hier“, wandte sie ein und ärgerte sich im selben Moment, dass es wie eine Rechtfertigung klang.
„Ach ja, zusammen mit deinem Freund …“, wandte ihre Mutter ein.
Emilia unterdrückte ein Seufzen. Schon allein wie ihre Mutter das Wort Freund aussprach, deutete auf nichts Weiteres hin, als dass sie mehr Informationen über ihr Privatleben erwartete. Nichts schien sie mehr zu interessieren als der Beziehungsstand ihrer Töchter. Daran änderte nicht einmal die Entfernung etwas, die zwischen ihnen lag.
Was sollte sie ihr erzählen?
Phillip war ihr Freund, ja. Sie schliefen auch miteinander, aber das tat sie auch mit anderen Männern. Allerdings blieben ihr die Nächte mit Phillip in Erinnerung, während die One-Night-Stands stets im schummrigen Rausch durchzechter Nächte verblassten. Eigentlich seltsam. Emilia runzelte kurz die Stirn bei dem Gedanken. Ganz sicher war dies jedoch kein Mutter-Tochter-Gesprächsthema. Sie konnte ihr kaum erzählen, dass sie im Gegensatz zu ihren Schwestern völlig anders war, was die Einstellung zu Männern betraf. Weder war sie so verklemmt wie die jüngere Rebecca noch so sittsam wie die ältere Cynthia, die vermutlich nur deshalb nicht ins Kloster ging, weil es dort keine Pferde gab. Ihre Mutter predigte Moral ohne Unterlass, wobei Emilia es ihr nicht immer ganz abnahm, was sie von sich gab. Vielmehr war sie davon überzeugt, dass Melisande Trevelyan kein Kind von Traurigkeit gewesen war, bevor sie einen englischen Lord geheiratet und diesem drei Töchter geboren hatte.
Doch Emilia hatte sich in der Familie fehl am Platz gefühlt, solange sie denken konnte. Sie stieß hörbar die Luft durch die Nase.
„Ich habe dir schon so oft gesagt, dass dieses Schnaufen nicht besonders elegant klingt.“
„Mutter, du weißt genau, dass ich mit Phillip hier bin“, erwiderte sie genervt.
Wie sie ihr Leben gestaltete, ging niemanden etwas an. Schon gar nicht ihre Mutter, die zu ihrer üblichen Tirade angesetzt hatte. Emilia hörte nur mit halber Aufmerksamkeit zu und hielt das Telefon weg von ihrem Ohr.
Herrgott, sie war erwachsen und konnte tun, was sie wollte.
Während die Stimme aus ihrem Smartphone nur als leises Säuseln zu ihr herüberdrang, lehnte sie sich in ihrem Liegestuhl zurück. Es war Nachmittag, doch Emilia fühlte sich matt wie andere in den frühen Morgenstunden. Sie war nach einer langen Partynacht erst vor zwei Stunden aufgestanden und nicht besonders aufnahmefähig. Den meisten Gästen der La Bastide de Saint-Tropez schien es ähnlich zu ergehen. Sie lagen ebenfalls dösend auf den Liegen, nur die sportlichen schwammen durch den weitläufigen Pool. Vielleicht täte auch ihr eine Erfrischung gut. Ein verlockender Gedanke, den sie aber sofort wieder verwarf. Danach müsste sie sich aufwendig zurechtmachen für ihren Fototermin. Dazu fehlte einfach die Zeit. Stattdessen genoss sie den Blick über das Schwimmbecken hinweg zum Meer, das still unter der schweren Hitze des strahlend blauen Himmels lag. In der Ferne zirpten die Grillen. Sie schob die Sonnenbrille ein wenig hinunter und betrachtete ihre mit unter