Kapitel 2
Di Martino empfing sie sehr herzlich, während Paola noch angestrengt versuchte, den Duft des feinen Schnösels aus der Nase zu bekommen. Offenbar hatte er in Parfüm gebadet. Dass es sich sicherlich um ein sehr teures Duftwasser handelte, welches auch noch richtig gut roch, versuchte sie zu ignorieren. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das unkomplizierte Auftreten des Bürgermeisters und nahm dankend Platz.
»Paola, Rino, schön, euch zu sehen!«, gab sich Di Martino freundlich und aufgeschlossen.
Ihr entging natürlich nicht, dass er sich an ihre Namen erinnerte. Gut, Pietragrigia war ein Nest, mehr als 2000 Einwohner gab es hier nicht. Trotzdem fühlte es sich nicht übel an, vom Bürgermeister mit dem Vornamen angesprochen zu werden, erkannte sie und entspannte sich dabei etwas.
»Was führt euch zu mir?«, erkundigte er sich und lehnte sich im Stuhl zurück, der deutlich bequemer aussah, als ihrer sich anfühlte.
Und hier begriff Paola, dass alles nur Show war. Ihr Gegenüber wusste sehr wohl, was sie zu ihm führte: das antike Kloster.
»Wir wollen uns erkundigen, ob Sie inzwischen Zeit hatten, unser Projekt durchzugehen«, nahm Rino ihr den Part ab, das Offensichtliche auszusprechen. Sie war ganz froh drum. Ihr bester Freund war oft diplomatischer und weniger direkt als sie. Nicht selten rettete er sie als ruhender Pol aus potenziell brenzligen Situationen.
»Ja, natürlich!«, behauptete der Bürgermeister und nahm dabei seine randlose Brille ab, legte sie auf einen unordentlich zusammengelegten Stapel Dokumente. Paola ertappte sich dabei, um das Wohl der Brille zu bangen. Vielleicht versuchte sie auch nur, ihre innere Anspannung mit ablenkenden Gedanken zu lockern, überlegte sie.
Er massierte sich kurz die Augen, bevor er sie wieder auf sie richtete. Er sah müde aus. »Ich habe euer Projekt sogar mit großem Interesse gelesen. Ihr habt eure Idee wirklich detailliert und sehr professionell dargelegt.«
Das klang ganz deutlich nach einem Aber, erkannte Paola.
»Aber ...«, fuhr der Mann auch schon fort, »leider weist eure Ausführung eine große Schwachstelle auf.«
Paola schloss die Augen. Klar, das Geld, das wusste sie. Das brauchte niemand laut auszusprechen. »Das ist uns natürlich bewusst. Wir sind uns aber sicher, dass wir mit Ihrer Hilfe auf einen öffentlichen Zuschuss hinarbeiten können, mit dem wir die Renovierungskosten decken werden.«
Di Martino schwieg dazu. Er setzte seine Brille wieder auf, und es erschien Paola, als spräche er damit das vernichtende Urteil aus.
»Die Idee mit dem Jugendzentrum ist toll. Da will ich gar nicht diskutieren. Auch die Kurse, die ihr anbieten wollt, begeistern mich. Sicherlich könnte direkt mit den Schulen aus dem Umkreis gesprochen werden, um eine Zusammenarbeit anzustreben. Nur denke ich, dass ihr dazu Räume nutzen solltet, die bereits stehen. Wie zum Beispiel hier im Rathaus. Ich lasse euch gerne ein paar Zimmer frei räumen.«
Paola wusste, dass das ein unheimlich nettes Angebot war. Aber das war nicht das, was sie wollte.
»Jugendliche sind laut. Jugendliche wollen unter sich sein. Ins Rathaus würden sie niemals kommen«, versuchte sie zu erklären, obwohl sie bereits begriffen hatte, dass es zwecklos war.
»Außerdem ist der Wiederaufbau des Klosters doch Teil des Projekts. Die Kids sollen mitanpacken. Beschäftigungstherapie«, sagte Rino, der sich nun wieder aktiv am Gespräch beteiligte. Und zwar so intensiv, dass seine Locken sich aufgeregt mitbewegten. Wie ein ruhender Pol wirkte er nun nicht mehr.
»Tut mir leid. Aber ich halte das für keine gute Idee. Wir haben das nötige Geld nicht.« Di Martino wurde direkter.
Paola merkte, dass ihr diese wundervolle Möglichkeit aus den Händen glitt. Sie bedauerte das sehr. Natürlich hatte sie persönliche Gründe. Ihr jüngerer Bruder ... der war als Jugendlicher in die Kleinkriminalität geschlittert. Zwar hatte er den Sprung zurück auf die rechte Bahn geschafft. Inzwischen war die hässliche Zeit von damals nichts weiter als eine böse Erinnerung. Dennoch hatte sie in Paola Spuren hinterlassen. Die ganze Familie hatte sich Vorwürfe gemacht. Ganz besonders aber sie. Es hatte sie schockiert, dass sie gar nichts gemerkt hatte, und sie hatte sich unzählige Male gefragt, ob sie es nicht hätte verhindern können. Jedenfalls hatte sie sich damals versprochen, sich mehr um Jugendliche zu kümmern. Und zwar mithilfe des Klosters, das für alle Heranwachsenden aus der