KAPITEL 2
Sie hörte Schritte auf dem Gang widerhallen. Henrietta kroch aus ihrer Ecke und kauerte sich vor die in Bodenhöhe angebrachte Essensklappe. Schon schwang das Holz zurück, und ein Stiefel schob eine tönerne Schale hinein, wobei die faulige Brühe überschwappte. Schnell stellte Henrietta die Schale beiseite und presste die Wange auf den Boden, um einen Blick nach draußen zu erhaschen. Doch sie sah nicht weiter als bis zu den Knien des Soldaten.
«Welcher Tag ist heute?», fragte sie.
«Das fragst du jeden Tag, Weib.»
«Wenn du’s mir auch nie sagst!»
Sie wartete darauf, dass die Stiefelspitze die Klappe energisch zuschlug, doch dieses Mal ließ sich der Mann Zeit.
«Die Alte, die bei dir ist», sagte er, «wird gleich abgeholt. Sie wird hingerichtet. Du weißt doch, was sie getan hat, oder?» Henrietta drehte den Kopf zu der Frau, die in einer Ecke an der kalten Wand kauerte und wirres Zeug vor sich hin flüsterte.
«Ja», murmelte Henrietta. Von einem Angelusfeuer war die Rede, das die alte Frau über einen Bauern und seine Familie geschickt haben soll, sodass sie alle an innerem Fieber verbrannt seien. Henrietta konnte kaum glauben, dass dieses alte verfallene Bündel zu so etwas imstande war, dennoch hatte sie sich von ihr ferngehalten. Gerade die unscheinbaren Alten, so hieß es, waren zu den grausamsten Taten fähig.
«Das soll bis morgen erledigt sein», erklärte der Soldat. «Morgen ist Heiligabend.»
Henrietta atmete erschrocken die stickige Luft ein. War sie tatsächlich schon einen Monat lang hier? Die Zeit war ihr unendlich lange vorgekommen, und doch konnte sie es jetzt kaum glauben.
Der Mann schien ihre Gedanken zu erraten. «Es gibt Unholde, die hausen hier ein Jahr oder länger, also beklag dich nicht.»
«Ich bin keine Unholdin, so hör doch!», rief Henrietta.
Die Klappe flog zu, und ihr Kopf fuhr zurück. «Das sagst du jeden Tag», hörte sie den Mann ein zweites Mal sagen, und seine Worte verklangen im Gang.
Verzweifelt nahm Henrietta die Schale, setzte sich in den Lichtstrahl unterhalb des vergitterten Fensters und trank die Brühe, in der ein paar Brotkrümel schwammen. An diese Art von Essen hatte sie sich nicht erst hier drinnen gewöhnen müssen, auch draußen war es nicht immer besser. Schlimmer waren die Kälte und der Gestank aus der Abtrittecke, vor der nur ein feuchter Stofffetzen hing. Daheim hätte sie den