I. Kinderfotos
Nichts ist gewisser als der Tod,
nichts ungewisser als seine Stunde.
- Anselm von Canterbury -
Ernesto! Welch ein Name!
Vor einer halben Stunde war ihr Kollege Matthias Müller mit einigen Hundert Fotos hereingeschneit, die er nun im Sekundentakt vor sie hinblätterte.
„Süß, oder?“, schwärmte er.
Hauptkommissarin Sunja Löwel warf ihre verschwitzte Jeansjacke über den Schreibtischstuhl, strich sich die widerspenstigen braunen Haare aus der Stirn und murmelte etwas Zustimmendes.
„Eh, tolles T-Shirt!“, meinte Matthias. „Genau dasselbe hat Ernesto auch, guck mal hier.“
Sie nahm sich vor, das Shirt zu Hause sofort zu entsorgen.
Das nächste Foto. Und noch eins. Sunja starrte auf das stramme Baby: schlafend, trinkend, schreiend, mit offenem Mund, mit geschlossenem Mund, mit schiefem Mund, mit geradem Mund, auf dem Arm des Papas, auf dem der Mama, im Körbchen, auf der Couch … Am Ostersonntag, vor drei Wochen, hatte Matthias’ kleiner Sohn Felix einen Bruder bekommen. Ernesto.
Sunja gönnte dem frischgebackenen Vater sein Glück, doch nach einem Drittel der Fotos beschlich sie Unbehagen.
Ernesto in der Badewanne. Und mit der Oma. Und hier …
Das Telefon schrillte, sie atmete auf.
Es war ihr Kollege Hans-Peter Große, genannt HP.
„Sunja! Info von der Rettung, eine Tote in Hessenwinkel. Kollegen von der Streife sind da, Ärztin ist unterwegs. Die Nachbarn haben sie gefunden. Angeblich ’ne Riesensauerei. Fährst du hin? Kannst ja Matthias mitnehmen, ich komm hier nicht weg.“ Er gab ihr die Adresse durch.
„Wo ist das?“
„Köpenick, weiter draußen. Rialtoring 23!“
„Wir kommen!“
Sie schaute Matthias mit seinen Fotos an. Der selig-beschränkte Gesichtsausdruck eines Verliebten. Alle Eltern sind begeistert, sagte sie sich und suchte den Autoschlüssel. Freu dich einfach mit ihm.
„Einsatz!“, rief sie. „Zum Rialto, komm! La dolce vita!“
Matthias sah auf und griff nach dem Smartphone.
„Das ist mir peinlich, Sunja, aber ich hab es Ines versprochen … In einer Stunde schließt die Kita, ich muss den Großen …“
„Sorry, bist du beim LKA angestellt oder nicht?“
Von der Tür aus hörte sie, wie er die Oma zum Kinderhüten überredete.
Vor der Villa wimmelte es von Polizisten und Sanitätern. Drei Streifenfahrzeuge, ein Rettungswagen und zwei Pkw versperrten die Straße. Rot-weißes Plastikband spannte sich vor dem Grundstück entlang. Jemand hatte es mit einer weihnachtsverdächtigen Schleife am Sockel der Straßenlampe festgebunden.
Sunja wurde an einen grauhaarigen Mittfünfziger mit zerfurchtem Gesicht verwiesen, den sie vom Sehen her kannte.
„Löwel. LKA. Guten Tag. Mein Kollege Matthias Müller.“
„Meudrich.“ Der Mann wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn und gab ihnen die Hand. „Fürchterlich. Der ist mit äußerster Brutalität vorgegangen. Im Wohnzimmer.“
„Wissen wir, wer sie ist?“
„Noch nicht.“
„Gibt es Einbruchsspuren?“
„Keine. Sie muss den Täter reingelassen haben.“
Selbst im ärmellosen Shirt war es Sunja zu warm. Widerwillig zwängte sie sich in den für ihre 1,60 Meter Körpergröße viel zu großen Schutzanzug, legte Schuhschützer und Handschuhe an und betrat mit Matthias das Haus. Durch die geräumige Diele gelangten sie in ein helles, modernes Wohnzimmer mit weißer Ledercouch, Glastisch, großem Kamin, weißen Regalen und Fenstern bis zum Boden. Mitten auf dem beigefarbenen Wollteppich lag, gekrümmt wie ein Fragezeichen, die Tote. Ihre taubenblaue Bluse war zerfetzt von Messerstichen, überall klebte Blut: am Körper der jungen Frau, in den