: Sabine Wassermann
: Achill. Held und Frevler Historischer Roman
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783962151676
: 1
: CHF 4.50
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 506
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein gefürchteter Frevler oder ein Held? In der spannungsreichen Geschichte Achills enthüllt sich seine schicksalhafte Einmaligkeit. Als Sohn der Göttin Thetis steht er zwischen der Welt der Menschen und der Götter. Modern und archaisch, dramatisch und sprachgewandt eröffnet Sabine Wassermann einen ganz neuen Blick auf den Mythos von Troja.

I.


Der Monat Sphagianios, der erste Monat des Sommers, hatte gerade begonnen, aber es war bereits jetzt unerträglich heiß. Kein Windhauch regte sich, und nicht die kleinste Wolke versprach Abkühlung. Hier im kargen Südwesten Kizzawatnas gab es nichts, das Schatten spendete. So lockte diese kleine Stadt die Umwohner in Scharen in ihre Mauern, um der Mittagshitze auf den trockenen Feldern zu entgehen. Düster erhob sie sich auf der weiten, vor Hitze flirrenden Ebene. Ackergerät lag verstreut herum. Dazwischen grasten ein paar Ziegen und meckerten voller Unmut darüber, in der prallen Mittagssonne zurückgelassen worden zu sein.

Ein Mann kniete an einem Bach, der jetzt nicht mehr als ein Rinnsal war, und löschte mit dem lauen Wasser seinen brennenden Durst. Er wußte, daß diesmal nicht die erbarmungslose Sonne die Bauern und Feldarbeiter ihr Tagwerk hatte liegenlassen. Auch auf seinem Weg von der nahen Küste bis hierher war er niemandem begegnet. Schlimme Kunde ist schnell, und so lagen alle Landstriche und Dörfer auf seiner langen Reise in den Osten wie ausgestorben da, weil die Menschen in den Städten Schutz suchten. Doch auch diesmal flohen sie umsonst. Die hölzernen Mauern, nur an manchen Stellen durch Wälle aus Stein ersetzt, konnten die Plünderungen durch die achaiischen Eroberer vielleicht kurze Zeit aufhalten, aber nicht verhindern. So war es heute das kizzawatnische Theben, das sich Achilleus von Phthia beugen mußte, wie so viele Orte auf seinem Weg entlang der Küste Asiens, von denen er kaum mehr wußte als ihre Namen und die er längst aufgehört hatte zu zählen.

Vielleicht würde dies endlich seine letzte Stadt sein. Mißmutig legte Achilleus die Hand vor die Augen und suchte den Mauerkranz nach Bewegungen ab. Weder das Aufblitzen von Metall noch irgendein Geräusch deutete die Anwesenheit der Späher an, aber er zweifelte nicht daran, daß unter der Oberfläche scheinbarer Ruhe die Menschenmenge dicht gedrängt wartete, bewaffnet mit allem, was in der Eile zur Verfügung stand. Achilleus befreite sein Gesicht von Staub und Schweiß, so gut es mit dem erdigen Wasser ging. Aus einem kleinen Lederbeutel an seinem Schwertgürtel holte er ein Kohlestück und ein winziges Tiegelchen hervor, das mit einer grünen öligen Farbe gefüllt war. Mit Hilfe eines Holzsplitters und der Kohle bemalte er Stirn und Wangen, um die Keren, die Todesgöttinnen, abzuhalten. So geübt war er darin, daß er keinen Spiegel benötigte, um die Zeichen aufs genaueste zu malen. Es gab Krieger, die eher auf einen Schild verzichten würden, als auf diese Zeiche