: Harald Lesch, Harald Zaun
: Die kürzeste Geschichte allen Lebens Eine Reportage über 13,7 Milliarden Jahre Werden und Vergehen
: Piper Verlag
: 9783492992497
: 1
: CHF 9.90
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: Naturwissenschaft
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Vom Urknall bis zum Homo sapiens sapiens: In einer rasanten Zeitreise erzählen Harald Lesch und Harald Zaun die großen Momente der 13,7 Milliarden Jahre alten Geschichte allen Lebens. Sie führen durch die Entstehung von Galaxien, Sternen und Planeten, zur Entfaltung des Lebens und schließlich zur Ausbildung des menschlichen Bewusstseins. Ihre Naturgeschichte ist spektakulär und doch das Gegenteil eines Schöpfungsmärchens: die kürzeste wissenschaftliche Reportage unserer Entwicklung.

Harald Lesch, geboren 1960 in Gießen, ist seit 1995 Professor für theoretische Astrophysik an der Universität München und lehrt Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie SJ. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Landessternwarte in Heidelberg, am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn und an der University of Toronto. Im Bayerischen Fernsehen macht er seit 1998 die Sendung »alpha-centauri«. Mr. Universe, »der Professor, der erzählen kann« (ZDF), moderiert im Zweiten das bekannte Magazin »Abenteuer Forschung«. Für seine Wissensvermittlung wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

Das Nichts und die Intoleranz der Naturgesetze


Das Universum wagt den Schritt aus dem Nichts ins Sein. Der licht- und lautlose Urknall, der sich vor dem Bruchteil des Bruchteils einer Millisekunde »ereignet« hatte, hat die erste Seite im Buch der kosmischen Annalen aufgeschlagen, ist aber bereits jetzt schon Geschichte. Denn circa 0,0000000000000000000000000000000000000000001 Sekunden nach dem Big Bang durchdringt erstmals ein zartes Ticken das All. Es ist das uhrlose Ticken der Zeit, das sich Gehör zu schaffen versucht. Materiell und räumlich gesehen ist noch nichts Angemessenes vorhanden, was unserer Anschauung gemäß als »Etwas« bezeichnet werden könnte. Selbst das kosmische Buch der ungeschriebenen Naturgesetze, das unsichtbar, form- und geräuschlos und urplötzlich mit aller Macht in die Welt drängt, ist immateriell. Die Gesetze der Physik haben fortan das Sagen. Den Bruchteil einer Mikrosekunde zuvor hatte dies noch völlig anders ausgesehen. Die uns heute bekannten Naturgesetze hatten noch keine Gültigkeit; der erste Anfang, der Beginn von allem, das war der Tag ohne Gestern.

Wem bei solchen Gedankengängen das Vorstellungsvermögen einen Strich durch die Rechnung macht, kann sich beruhigt zurücklehnen und auf der sicheren Seite der Erkenntnis fühlen. Denn die Sinnesorgane, die unser Überleben alsHomo sapiens sapiens sichern, sind das Ergebnis einer Abfolge von Entwicklungsschritten. Anders als in zeitlichen Folgen wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu denken übersteigt unsere Imaginationskraft. Unser Gehirn kann letzten Endes nicht anders, als nach Ursachen zu fragen, die es aufgrund von Wirkungen in seiner Erfahrungswelt vermuten muss. Schließlich folgt unser Denkapparat konsequent nur einer Devise: Von und aus dem Nichts kommt nichts! Und diesem Wahlspruch gemäß kann unser Universum nicht aus dem Nichts gekommen sein, denn es ist unbestreitbar existent – es ist einfach »da«. Ähnlich wie den Künstlern zu Beginn des 20. Jahrhunderts, etwa den Dadaisten, die sich mit skurrilen Geschichten, Gedichten und Erzählungen dem Druck der Technik und der Moderne zu entziehen versuchten, ergeht es uns bei der Rede vom Anfang des Universums, dem surrealen Anfang von allem. Irgendwie bringt uns die Frage nach der Ursache des Universums, die selbst keine Ursache haben darf, in eine unangenehme Bredouille. In der Logik sprechen wir von einem unendlichen Regress. Die Frage nach der Erstursache lässt sich einfach nicht stellen und schon gar nicht beantworten.

Der Erfolg moderner Naturbeschreibung liegt in einem Satz der vorsokratischen Philosophie begründet, der auf den ersten Blick nichtssagend klingt, beim genaueren Hinschauen jedoch vielsagend ist: Die Natur ist »Eins«! Was bedeutet dies genau? Nun, diese Worte sagen uns, dass die Frage nach dem Ursprung der Materie sowie der sie zusammenhaltenden Kräfte untrennbar mit der Frage nach dem Ursprung des Universums verknüpft ist, denn die Natur ist alles »das«, was existent ist, ob wir dies nun mit unseren Sinnen oder technischen Instrumentarien erfassen können oder nicht. Die Natur ist »Eins«, weil sie keine Inseln der metaphysikalischen Glückseligkeit erlaubt, auf denen beispielsweise Uhren rückwärtslaufen oder Menschen aus eigener Kraft fliegen können. Und die Natur ist »Eins«, weil sie zumindest im Makrokosmos keine Oasen der Surrealität kennt. Nein, eines über das »Eine« ist gewiss: In unserem 13,7 Milliarden Jahre alten Universum gelten alle Naturgesetze immer und überall, hier – heute – gestern – morgen – übermorgen, fernab des Sonnensystems und fernab der Milchstraße. Sie regieren als unsichtbare Diktatoren das Universum mit kühler und eiserner Strenge, fordern von Materie, Raum und Zeit, aber auch von uns allerorts r