Kapitel 1 – Alles auf Anfang
»Nun, wie fühlen Sie sich dabei?«
Lila schürzte die Lippen und musterte die gelangweilten Gesichter um sich herum. Die Psychologin stellte ihr hier nicht einfach nur eine Frage – das tat sie nie. Es war ein Test. Was Lila wirklich fühlte, war unerheblich, hier ging es darum, dierichtige Antwort zu finden. Sie musste sich also fragen: Wie würde sich ein geistig gesunder Mensch fühlen, wenn er auf einem unbequemen Stuhl mitten im Raum saß, umringt von sieben oder acht geistig nicht ganz so gesunden Menschen?
»Wissen Sie, das ist nicht so leicht zu beantworten.« Lila schlug die Beine übereinander und legte einen Finger an den Mundwinkel. »Zu Anfang haben Sie gesagt: Jeder Mensch nimmt Gefühle anders wahr und stattet sie mit unterschiedlich starken Energien aus. Ich meine, wenn ich Ihnen nun sage, dass es mir gut geht, und Sie nehmen dieses ›gut‹ ganz anders wahr als ich, dann können Sie doch mein Befinden gar nicht richtig beurteilen.«
Frau Kirchner holte tief Luft und presste zwei Finger an ihre Schläfe, während sie mit dem Stift in ihrer anderen Hand auf ihr Klemmbrett klackerte.
»Lassen Sie es uns trotzdem versuchen. Ich kann Ihr persönliches ›gut‹ bestimmt ungefähr einordnen.«
Die betongrauen Augen der Psychologin bohrten sich in Lilas Kopf. Manchmal fragte sie sich, ob die ältere Frau ein Alien war, der mithilfe seines Röntgenblicks jegliche Gedanken durch das menschliche Bewusstsein wabern sehen konnte. Die Frau mit der akkuraten blonden Bobfrisur und der strengen Miene war echt unheimlich.
»Ich fühle mich gut.«
»Und weshalb?« Frau Kirchner hob eine Hand. »Und bitte fassen Sie sich kurz.«
Waren Psychologen für gewöhnlich nicht geduldige Zuhörer? Frau Kirchner mit ihrer eckigen Lesebrille und ihrem genauso eckigen Kinn war jedenfalls beides nicht – weder geduldig noch eine Zuhörerin. Außerdem war sie so kalt, als schliefe sie im Kühlschrank. Oder in einem Sarg?
Aber zurück zur Frage. Oder besser: zum Test. Die Wahrheit war: Lila fühlte sich großartig. Und auch das ›weshalb‹ ließ sich leicht beantworten: Heute war ihre letzte Gruppensitzung beim Anti-Aggressivitäts-Training. Allerdings konnte sie wohl kaum verkünden, dass sie froh war, all die Nasen um sich herum nie mehr wiedersehen zu müssen. Wenn sie ehrlich war, gruselte es sie regelrecht vor manchen dieser Gestalten.
Da war zum Beispiel Jeannette, die Kochlöffelakrobatin. Sie hatte ihren Mann mit einem Kochlöffel krankenhausreif geschlagen, nachdem sie ihn dabei erwischt hatte, wie er sich mit einer Arbeitskollegin in der Mittagspause einen Frischkäse-Bagel geteilt hatte. Es mochte zwar beeindruckend sein, dass jemand ein Plastikkochutensil so treffsicher zu schwingen vermochte, dass es ein Nasenbein brach, ohne selbst zu zerbrechen, aber diese Kunst war dennoch zutiefst beängstigend. Das war allerdings noch nichts gegen Ginger, die bissige Stangentänzerin. Die konnte es nämlich überhaupt nicht leiden, »angetatscht« zu werden, und brachte das des Öfteren durch Einsatz ihrer Zähne unmissverständlich zum Ausdruck. Doch Lilas absolute Nummer eins in den Grusel-Charts war Mareike mit dem Killerblick. Niemand starrte so gehässig und bedrohlich wie die übergewichtige Frau in dem quietschpinken Kunstlederoberteil. Sie gab gern »Schlampen aufs Maul«. Um welche ›Schlampen‹ es sich dabei handelte, war irrelevant. Jede Frau im Umkreis von einhundert Metern schien für sie in diese Kategorie zu fallen.
Ach ja, es war eine herzallerliebste Truppe, die sich da jeden Dienstag und Donnerstag im vierten Stock eines grauen Wohnklotzes in Berlin-Friedrichshain traf. Und alle waren sie wütend – auf die Welt im Allgemeinen, auf das System und auf die Kerle im Besonderen. Ginge es nach den sieben Frauen – und der Psychologin –, dann w