Mein Finger krümmte sich um den Abzug. Die Kugel schoss aus dem Lauf der Walther. Ihr Flug endete auf der anderen Seite des Raumes und durchschlug mein Gegenüber. Zum Glück war der Kamerad aus Pappe. Ich erfüllte meine Pflicht auf dem Schießstand der Frankfurter Polizei. Sechsmal pro Jahr musste jeder Beamte mit der Waffe üben. Formell war das Training streng geregelt, doch ob man die geforderten Leistungen tatsächlich erbrachte, kümmerte niemanden. Hauptsache, die Anwesenheit auf dem Schießplatz wurde urkundlich bestätigt. Neben mir notierte ein Protokollant die Abgabe des Schusses, mein fünfter an diesem Morgen. Noch einen und ich würde das Magazin geleert, das Soll erfüllt haben. Der Kollege, der die Aufsicht am Stand führte, zeigte mir an, dass ich soeben einen Volltreffer in den Kopf der Zielfigur gelandet hatte. Er hob den Daumen und freute sich. Ich knirschte mit den Zähnen über meinen Fehlschuss. Im Fall eines Feuergefechts, das Gott verhüten mochte, wollte ich den Schützen kampfunfähig machen – nicht ins Jenseits befördern. Ich war Kriminalkommissar, kein Scharfrichter. Unser Staat schien anderer Ansicht zu sein. Im Laufe des kommenden Jahres sollten wir eine neue Dienstwaffe erhalten. Die Walther PPK, Kaliber 7,65 Millimeter, hatte ausgedient. Nach Meinung der Experten war sie zu klein, zu harmlos. Als Zukunftsmodell galt ein Ballermann der Firma SIG Sauer, der Neun-Millimeter-Geschosse abfeuern konnte. Mitmannstoppender Wirkung, wie es hieß. Dadurch könne man schwerbewaffneten Terroristen und Gangstern Paroli bieten. Die Losung klang für mich nach Wildem Westen. Sie passte zu der bleiernen Zeit, in der wir lebten. Nach dem Mord an Hanns-Martin Schleyer hatte die Regierung zur Jagd auf die Rote Armee Fraktion und deren Sympathisanten geblasen. Getrieben von Aktionismus, Hysterie und Vergeltungssucht waren Jugendzentren, alternative Kneipen und Verlage gestürmt worden. Vorige Woche hatte es denKommunistischen Bund Westdeutschland in der Mainzer Landstraße erwischt. Dreißig Kripo-Kollegen waren an der Durchsuchung beteiligt gewesen, darunter mein Freund Jürgen Hechler. Abgesehen von ein paar Schmähplakaten hatten sie nichts gefunden. Mich erinnerten die blindwütigen Razzien an das Vorgehen der Gestapo. Für derartige Vergleiche hatte unser Bundeskanzler nichts übrig. Er sei es leid, hatte Schmidt gesagt, dass jedes Mal, wenn ein Terrorist ums Leben käme, sofort auf die deutsche Nazi-Vergangenheit verwiesen werde. Ich fand, man konnte die Geschichte gar nicht oft genug zitieren. Schließlich war es der verlogene Umgang mit den Verbrechen des Dritten Reichs gewesen, der den Nährboden für anarchistische Gruppen wie Baader-Meinhof gelegt hatte. Die aggressive Reaktion der Entscheider in Bonn würde den Terror befeuern, anstatt ihm durch Reformen und Aufklärung die Grundlage zu entziehen.
Der Kontrolleur auf dem Schießstand hatte die Pappe ausgewechselt und signalisierte, dass ich meinen finalen Schuss für heute abgeben konnte.
Vor meinem geistigen Auge tauchten Bilder auf, die gestern über den Fernsehschirm geflimmert waren. Ein Trauerzug durch den nebligen Herbstwald. Sprechchöre aus jugendlichen Kehlen: Mörder, Mörder! Ringsum Polizei. Der Stuttgarter Dornhaldenfriedhof. Drei Staatsfeinde in Särgen. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe. Reporter wie Aasgeier an den Gräbern. Macht die Deckel auf! Zeigt uns die Leichen! Kein Respekt vor Angehörigen. Großaufnahmen bestürzter Eltern und Geschwister. Aufdringlicher Fotograf. Ohrfeige von Anneliese Baader, der Mutter. Gut so!
Bei dem Gedanken an das unwürdige Verhalten der Journaille packte mich die Wut. Bereits vor der Beisetzung hatte Springers Hetz-Presse die Proteste in der Bevölkerung geschürt. Die RAF-Gründer dürften nicht neben anständigen Bürgern ruhen. Verdammt, wo denn sonst?!? Hätte man sie auf den Müll schmeißen sollen?!?
Ich atmete tief durch und entsicherte die Pist