Prolog
Der Schreibtisch im Arbeitszimmer istüber undüber mit Notizzetteln bedeckt, eiligst bekritzelt in fast unleserlicher Schrift, es muss immer schnell gehen, wenn es sich um Luise dreht. Bücherüber Stadtgeschichte stapeln sich zu einem schiefen Turm, längst hätten sie zurückgebracht werden müssen in die Bibliothek. Ausgedruckte Internetseitenüber die Zwanziger Jahre, eine Kurzbiographieüber Adele Sandrock liegen unter Kopierpapier. Es ist halb acht abends, seit Stunden sitzt Valerie vor dem PC, ihr Rücken schmerzt. In der Pappschachtel vor dem Drucker liegt eine kalte Pizza Salami mit Champignons und die Flasche Rotwein von gestern steht noch auf dem Fensterbrett.
Hier arbeitet sie am liebsten. Leider gibt es da noch den anderen Schreibtisch, den in ihrem Büro am anderen Ende der Stadt. Am Morgen hat sie sich wie immer beeilt, dorthin zu kommen, nur um möglichst früh wieder heim zu können. In der Nacht hatte es geschneit, Autos mit Sommerreifen waren vor ihr hergeschlittert. Plötzlich bog ein Bestattungswagen in die Straße ein und nahm ihr die Vorfahrt.
Der brauchte wohl neue Kundschaft! Sie stieg kräftig in die Bremsen und unterdrückte ein lautes Fluchen. Durch die halb satinierte Rückscheibe war der Deckel des Sarges sichtbar, geschmückt mit einem Blumenbukett aus gelben Tulpen. Luise liebt die Farbe Gelb, ihren Sarg sollen einmal Sonnenblumen zieren. Und wenn der Himmel noch so düster ist, diese Blume fängt selbst den kleinsten Sonnenstrahl, sagt sie. Valerie blinkte links, an der nächsten Ecke rechts, der Bestattungswagen ließ sie folgen.
Seit Wochen ist sie nicht mehr bei Luise gewesen. Weihnachten waren Luises Verwandte zu Besuch gekommen, Silvester war eine alte Freundin von ihrüber Nacht geblieben und Valerie hatte an ihrem Manuskript gearbeitet. Ende Januar rief Luise an und fragte zaghaft:»Wann kommst du mich wieder besuchen? Bist du immer noch böse auf mich?«
Nein, böse konnte sie ihr nie sein, aber enttäuscht und zutiefst verletzt blieb sie dennoch.
Es war Luises Siebenundneunzigster gewesen. Schon zwei Monate davor hatte Luise sie jedes Mal gefragt, ob sie denn auch zu ihrer Feier käme. Schließlich könnte dieser Geburtstag ja nun der letzte sein. Hoffentlich. Dabei hatte sie die Hände gefaltet und nach oben geschaut. Schließlich hatte Valerie ihr den Gefallen getan, einen Strauß gelber Rosen erstanden und an die Tür von Zimmer 217 geklopft. Vertraut erklang Luises»Herein!« nach fast zwei Jahren, in denen sie jeden Donnerstag hier angeklopft hatte; nur an diesem besonderen Tag, ihrem Geburtstag, war es ein Mittwoch gewesen.
Das kleine Zimmer quoll fastüber vor Möbeln und Menschen. Mindestens acht Frauen, junge,ältere, aber keine von den Heimbewohnerinnen, redeten gleichzeitig, schenkten Kaffee ein und schoben sich Zuckerkuchen in den Mund. Alle kannten sich, doch keine kannte Valerie.
Wer ist das, fragten die Blicke Luise.»Kommen Sie, hier ist noch Platz, setzen Sie sich.« Eine Frau stand auf, um eine saubere Tasse zu holen.
»Wer hatdich denn eingeladen?«
Valerie glaubte im ersten Moment an einen von Luises Scherzen. Sie umarmte sie zur Gratulation und flüsterte ihr ins Ohr:»Sehr witzig!«
»Luise«, riefen sie,»stell uns die Dame doch mal vor! Woher kennt ihr e