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Gabriele de Mussis blinzelte, als er als Letzter der Delegation aus den Toren der Stadt Caffa ins Freie hinaustrat. Bis zur Morgendämmerung mochten es noch ein, zwei Stunden sein. Der Nieselregen ließ die Feuer im Lager der Tataren verwaschen durch die Dunkelheit leuchten.
Nach über einem Jahr Belagerung war man in Caffa an nächtliche Finsternis gewöhnt. Öl, Tran und Fett hatten längst den Eingang in den Speiseplan der Bewohner gefunden und waren zu wertvoll, um als Brandmittel für Laternen zu dienen. Wer nachts durch die Gassen von Caffa huschte – immer an den Wänden entlang, um den gelegentlichen Pfeilschauern der tatarischen Bogenschützen zu entgehen –, hatte sich längst mit Dunkelheit, Stolpern, angeschlagenen Zehen und Kopfnüssen von zu spät gesehenen Dachbalken abgefunden. So wie mit dem Beschuss. Die herunterkommenden Pfeile konnte man ebenso hören wie das Flattern der von den Schleudern abgeschossenen Steine und ihnen ausweichen – außer man saß zufällig in einem der Häuser, die den Steinen im Weg standen. Aber das eine oder andere beiläufige Opfer hatte man zu akzeptieren, wenn man belagert wurde; die überlebenden Nachbarn, die die Erschlagenen aus den Trümmern zogen, pflegten der Meinung zu sein, dass es auch schlimmer hätte kommen können.
Gabriele musterte den unregelmäßigen Ring aus trübe schimmernden Lagerfeuern, der sich im Nordosten der Stadt bis zum Meer hinunterzog und in der Gegenrichtung im unregelmäßigen Gelände verschwand. Die Fessel, die das Belagerungsheer Caffa angelegt hatte, ging dort bis zu den steilen Klippenhängen. Die Klippen schoben einen Sporn ins Meer hinaus und schützten den Hafen Caffas von Süden her. Diese Felsen und der Umstand, dass die Tataren sich nicht auf das Meer hinauswagten, waren der Grund dafür, dass der Hafen offen geblieben war. Natürlich beschossen die Belagerer jedes Schiff, das Caffa verließ oder dort anlegen wollte, und die Anzahl der am Strand angespülten oder die Hafenzufahrt unsicher machenden gesunkenen Wracks war beträchtlich – doch der Hafen war offen geblieben, und die Versorgung der eingeschlossenen Bürger funktionierte so weit, dass man halbwegs überleben konnte. Djanibek Khan, der Anführer der Tataren, würde Caffa niemals besiegen können, solange ihm der Hafen nicht gehörte.
Gabriele fühlte die Blicke der anderen Delegationsmitglieder auf sich. Er war das jüngste Mitglied der Abordnung und nicht einmal Bürger der Stadt, und doch betrachteten die anderen ihn als ihren Sprecher. Es war bekannt geworden, dass er bei früheren Reisen in die Gegenden östlich des Schwarzen Meers genügend Sprachkenntnisse aufgeschnappt hatte, um sich mit den Tataren unterhalten zu können. Ein Lob auf den reisenden Arzt, dachte er sarkastisch, er sammelt Wissen und Fertigkeiten – und zieht sich so ziemlich jede Krankheit zu, die man sich denken kann, und mit etwas Glück und Gottes Gnade überlebt er sie alle – und dann erhält er als Belohnung daf