1. Kapitel: A wie Anfang
Wir lernen Paulina kennen und erfahren, dass sie den besten Aufsatz in der Klasse schreiben will
So hatte es sich Paulina nicht ausgedacht, wie es dann kommen sollte.
Damals saß sie im Wartezimmer von Frau Dr. Pieper, Augenärztin, neben ihrer Mutter, die bestellt war, und grübelte über den Anfang ihres Aufsatzes nach, den sie in den Ferien schreiben sollte. Auf ihren Knien lag ein Buch, aber sie schaute nicht hinein. Vor ein paar Tagen hatte ihre Klassenleiterin Frau Wiebold die Schüler gefragt, wer in den Sommerferien nicht verreise – also zu Hause bliebe. Einige zaghafte Hände wurden gehoben. Frau Wiebold musterte die Schüler, dann sagte sie, sie dürften sich als einen kleinen Ausgleich dafür eine fantastische, selbst erfundene Geschichte aufschreiben, dabei in Gedanken in fremde Länder reisen, während die anderen Schüler mit dem üblichen Aufsatz über das schönste Ferienerlebnis berichten sollten.
Obwohl Paulina ahnte, sie würde zu den Daheimgebliebenen zählen, es war fast zum Lachen, denn ihre Mutter arbeitete in einem Reisebüro, wollte sie ganz sicher gehen und fragte am Morgen ihre Mutter: „Wie ist es, Mam, verreisen wir dieses Mal? Omi hat uns eingeladen.“
Doch als ihre Mutter den weiten Blick bekam, der über sie hinweg sah, ahnte sie schon etwas von der Antwort.
„Ach, ich weiß noch nicht“, antwortete ihre Mutter ausweichend. „Gerade in den großen Sommerferien verreisen so viele Leute. Und Herr Huber“, der der Chef von ihrer Mutter war und der Oberreiseleiter in dem Reisebüro, in dem ihre Mutter arbeitete, „ist total überlastet.“ Herr Huber war immer überlastet, das wusste Paulina schon, und sie seufzte leise auf. „Sicher sähe er es nicht gern, wenn ich …“, ihre Mutter holte den Blick zurück und sah Paulina recht unglücklich an.
„Aber fast alle Kinder in der Klasse verreisen in den Ferien“, bohrte Paulina weiter, „außer vielleicht Betsie.“ Betsie war ihre beste Freundin, und geteiltes Leid ist halbes Leid – aber bitter war es doch. Auch gab es bei Betsie ganz andere Gründe dafür, die sie verstehen konnte. Ihre Eltern bauten gerade am Rande der Stadt, weil dort die Preise für Grund und Boden billiger waren, ein Haus. Sie wollten ein Auge auf die Handwerker haben und selbst da und dort mit anpacken.
„Wir werden noch einmal darüber sprechen“, verschob ihre Mutter die Entscheidung über das Verreisen. „Im Herbst gibt es auch noch schöne Tage und es sind wieder Ferien.“
Da stand Paulinas Entschluss fest: Sie würde ihrer Klassenlehrerin Frau Wiebold einen Aufsatz – besser noch eine Geschichte – liefern, die alle bisherigen Aufsätze in den Schatten stellen sollte. Mund und Nase dürften sie in der Klasse aufreißen, wenn sie ihn vorlas. Die Ferienberichte über Mallorca oder eine Seereise über den Atlantik, ein Flug über London, würden verblassen vor dem, was sie sich ausgedacht hatte.
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