1. Der beste Tag im Leben
Bekenntnis eines Ehebruchs:
»Ich hab mich halt mal verschlafen …«
Gerd W. Heyse
Mein Atem ging flach und stoßweise. Ich bekam kaum Luft. Sitzen war fast nicht möglich, stehen ging gerade noch so. Mir tat jetzt schon der Rücken weh, obwohl wir gerade erst angefangen hatten.
»Los, noch fester die Korsage …«, wies ich meine Freundin Mara an, die mir half, mein Brautkleid anzuziehen.Wer schön sein will, muss leiden, das hatte meine Omi mir immer eingebläut, deshalb biss ich die Zähne zusammen und lächelte. Als das wasserfeste, allen Gelegenheiten standhaltende Make-up dann endlich fertig auf meinem Gesicht einbetoniert war, funktionierte auch kein anderer Gesichtsausdruck mehr. Wahrscheinlich sehen deshalb alle Bräute so glücklich aus.
Meine fest nach hinten getackerte Frisur ließ meine ansonsten recht großen Augen schlitzförmig wirken.
»Du siehst aus wie ’ne blonde Asiatin«, hatte mein Blumenkind dann auch respektlos bemerkt. Großzügig sah ich darüber hinweg.
Wenn ich mich selbst im Spiegel betrachtete, sah ich glatte, schulterlange blonde Haare, die regelmäßig durch Strähnchen aufgepeppt wurden. Klassisch hanseatischer Typ. Durchschnittliche Größe und Gewicht, ebenmäßige Gesichtszüge und leicht gebräunter Teint.
Aber die letzten drei kohlenhydratfreien Monate hatten sich gelohnt und der beste Tag meines Lebens war gekommen: mein Hochzeitstag!
Ich war die glücklichste Frau der Welt, wobei die Betonung auf »war« liegt. Hätte ich damals geahnt, was für einen Stinkstiefel ich heiraten würde, hätte ich es sicherlich gelassen. Dabei wollte ich immer heiraten. Der berühmte Kleinmädchentraum mit gigantischem Kleid und Prinzen auf weißem Pferd und so.
Ja, ich war irgendwieoldschool geblieben. Während das Wort Hochzeit bei meinen Freundinnen Schnappatmung auslöste, schaute ich heimlich das Video der Hochzeit von der dürren Kate und ihrer Schwester Popo-Pippa mit dem etwas unbeholfen wirkenden Prinz William an. Immer wieder. So wollte ich das auch!
Mann, Mann, Mann – dabei bin ich doch ein Digital Native, ein Kind, das als erste Generation mit der neuen Technik des digitalen Zeitalters aufgewachsen ist. Erfahrungsgemäß sollte ich damit auch zu anderen Denkmustern fähig sein. Was war da bloß schiefgelaufen, eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. War Lara Croft etwa mit der Planung ihrer Hochzeit oder mit der Rettung der Welt beschäftigt? Ich hätte gewarnt sein sollen! Nein, aber ich war voll im Romantik-Wahn, mit verklärtem Blick las ichBraut heute.
Und dann war mein Prinz da und alles war gut. Zum Glück hatte ich den letzten Traummann des Planeten gefunden. Ich konnte mein Glück kaum fassen, aber Hartmut verkörperte alles, was ich mir je von einem Mann gewünscht hatte. Er war ein aufmerksamer Zuhörer und liebevoller Partner. Kein Tag verging, an dem er mich nicht mit einem kleinen Geschenk oder einem tollen Essen verwöhnte. Trotz seines immens stressigen Jobs galt fast seine gesamte freie Zeit mir und unseren gemeinsamen Unternehmungen.
Genauso hatte ich ihn mir immer vorgestellt: meinen ZUKÜNFTIGEN! Und jetzt waren wir Mann und Frau. Auf einmal ging alles ganz schnell: Mara schubste mich mehr ins Auto als dass ich ging, damit wir noch rechtzeitig ankamen. Sie hielt während der gesamten Fahrt meine Hand. Meine Güte, war ich aufgeregt! Dann ging es auch schon los. Während der Trauungszeremonie fielen warme Worte, persönliche Ratschläge und gute Wünsche. Ich verdrückte mir die eine oder andere Träne. Angestrengt fixierte ich meinen wunderschönen Brautstrauß aus weißen Rosen, Hortensien und Pompondahlien, um das kunstvoll aufgetragene Make-up nicht völlig zu ruinieren. Ich blickte zu meinem Bräutigam. Schnieke sah er aus in seinem schicken Maßanzug. Die teuren Manschettenknöpfe waren schon seit Jahrzehnten im Familienbesitz und wurden von Generation zu Generation weitergegeben.
Allerdings hatte Hartmut eine leichte Alkoholfahne. Wahrscheinlich musste er vor Aufregung vorher noch ein Beruhigungsbierchen getrunken haben. Vor dem Ja hat mein Herz wie wild geschlage