Ein geheimnisvolles Paket
Wenn Mama vom Winter erzählte, lag immer Schnee, und sie rodelte mit einem Holzschlitten die steilsten Hügel hinunter. Wenn Opipi vom Winter erzählte, lag noch mehr Schnee, und die Hänge, die er sich mit seinem großen Rodel hinunterstürzte, waren auch viel steiler. Ich habe immer geglaubt, die beiden würden übertreiben. Denn im letzten Jahr hat es nicht ein einziges Mal geschneit und in dem davor nur ganz wenig.
Aber an dem Tag, als diese Geschichte begann, hüpften Lisbeth und ich jubelnd aus der Schule. Die Ferien warteten auf uns, Weihnachten stand vor der Tür, und es schneite in dicken weißen Flocken.
»Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus!«, sangen wir.
Der Schnee machte die Stadt ganz still und versuchte, auch unsere Stimmen zu verschlucken. Aber unser Lied schallte trotzdem durch die rieselnde Pracht.
»Die Welt, die Welt sieht wie gepudert aus.«
Wir fingen die Schneeflocken mit unseren Zungen.
Manche Menschen behaupten, dass Schnee nach gar nichts schmecken würde. Dabei stimmt das nicht. Schnee ist sogar sehr köstlich. Er hat den Geschmack von Himmel und Kälte und Frieden.
»Das wird das beste Weihnachten überhaupt«, sagte ich.
»Mindestens«, bestätigte Lisbeth.
Dabei wussten wir noch nicht einmal, dass in diesen Weihnachtsferien nicht nur eine Menge Schnee, sondern auch ein merkwürdiger Besuch und ein unheimlich spannendes Geheimnis auf uns warteten.
Geheimnisse lieben wir. Mitwir meine ich die ganze Familie Buddenberg – Mama, Opipi, meinen ältesten Bruder Joshua, meine kleinen Zwillingsbrüder Luis und Lukas und mich. Natürlich gehören Klaus, der Papa der Zwillinge, Joshuas Vater, der Seemann, und mein Papa genauso zu uns. Und auf alle Fälle auch Lisbeth, meine beste Freundin. Klaus ist nämlich nicht nur der Papa von Luis und Lukas, sondern auch der zweite Papa von Lisbeth, darum ist sie so etwas wie meine Schwester. Klaus und Lisbeth wohnen zusammen mit Lisbeths Mama Mona im Haus gegenüber. Obwohl man auch sagen könnte, dass Lisbeths Mama gegenüber wohnt, während Lisbeth und Klaus dort oft nur übernachten. Den Rest der Zeit sind sie in der Schule und im Büro oder bei uns. So jedenfalls kommt es mir manchmal vor.
»Was ist das da?«, fragte Lisbeth, als wir vor unserer Villa ankamen.
»Ein Paket«, sagte ich, denn das war es. »Merkwürdig, dass der Postbote es einfach hier draußen stehen gelassen hat.«
Ich spürte ein kleines Fußkribbeln, das mich immer überfällt, wenn ein Abenteuer ruft. Oder auch, wenn Gefahr droht. Ich schaute mich genau um, konnte aber weder ein Abenteuer noch irgendeine Gefahr entdecken. Vielleicht kribbelte es vor lauter Vorfreude auf das Schneevergnügen, auf die Ferien, auf Weihnachten und überhaupt. Es gab an diesem Tag so viele Gründe für Fußkribbeln.
»Bei euch scheint keiner da zu sein«, vermutete Lisbeth.
»Aber wir haben doch eine Fußmatte und ein Dach über dem Eingang. Da kann man sehr gut Pakete abstellen, wenn keiner da ist«, sagte ich verwundert.
Dieses Paket stand aber mitten auf dem Weg im rieselnden Schnee. Als wäre der Postbote in großer Eile gewesen oder hätte das Paket schnell loswerden wollen.
»Vielleicht tickt es?«, überlegte Lisbeth.
»Du meinst, wie eine Bombe?«, fragte ich erschrocken.
»Das wäre doch supercool, oder?« Lisbeth schaute mich mit leuchtenden Augen an. »Der Postbote musste wahrscheinlich fliehen, bevor sie hochging.«
»Ich glaube, du hast zu viele Krimis gelesen«, sagte ich.
»Man kann nicht zu viel lesen«, meinte Lisbeth. »Ist außerdem alles Recherche.« Sie träumt davon, eines Tages eine legendäre Detektivin zu werden.
Wir liefen vorsichtig auf das Paket zu und lauschten. Außer dem fallenden Schnee war jedoch nichts zu hören. Nicht der kleinste Laut. Lisbeth hockte sich neben das Paket und hielt ein Ohr daran. Dann auch das andere.
»Nur zur Sicherheit«, murmelte sie. »Es kann ja sein, dass ich auf dem einen Oh