: Alexa Hennig von Lange
: Warum so traurig?
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783688110186
: 1
: CHF 10.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 124
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Gestern war es noch für immer Elisabeth und Philip sind glücklich verheiratet. Es gibt nur ein Problem: In drei Jahren Ehe hat die erotische Anziehungskraft dramatisch nachgelassen. Er scheint sich damit arrangieren zu können, während sie entschlossen ist, den alten Zauber wiederzuentdecken. Noch ahnt Elisabeth nicht, dass die Ursache ihres Problems in beider Vergangenheit liegt.

1973 in Hannover geboren, gewann Alexa Hennig von Lange bereits mit 13 Jahren den NDR-Wettbewerb «Kinder schreiben für Kinder». 1997 erschien ihr Debütroman «Relax», der sie auf Anhieb zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation machte. Es folgten weitere Romane; außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Erzählungen und verfaßte Theaterstücke, u.a. für die Volksbühne in Berlin und das Schauspielhaus Hannover. Im Herbst 2002 wurde Alexa Hennig von Lange mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Mehr von und mit der Autorin unter www.alexahennigvonlange.de

1.


Philip klopft leise an die Badezimmertür. Seine Stimme klingt dumpf zu mir herein:

«Elisabeth, wir müssen los.»

«Moment noch.»

Ich sehe in den Spiegel, streiche mir die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht.

«Was machst du denn da drinnen?»

«Drogen nehmen.»

«Was für Drogen?»

Das bin ich.

«Kokain undLSD

«Mach sofort die Tür auf!»

Er drückt die Klinke herunter, ruckelt daran herum. Die Situation kenne ich noch gut von zu Hause. Ständig hämmerte meine Mutter mit den Fäusten an die verschlossene Badezimmertür und rief: «Macht sofort die Tür auf!» Sie befürchtete, meine Schwester und ich könnten uns, auf dem Badewannenvorleger sitzend, die Pulsadern aufschneiden. Jetzt habe ich wieder jemanden, der sich Sorgen macht. Doch in der Zeit, als es wirklich darauf ankam, war niemand da. Ich drehe den Wasserhahn auf, wasche mir die Hände. Dieses Fehlen wird man nicht wieder gutmachen können. Denn es gibt Dinge, die zeigen ihre Wirkung erst Jahre später. Eines Tages werde ich morgens aufwachen und mich fragen, wer Philip ist. Er wird mich in den Arm nehmen, sagen: Elisabeth, ich bin dein Mann. Doch ich werde ihm nicht glauben, mich anziehen und gehen. Tatsächlich werde ich mein Gedächtnis verlieren. Philip drückt die Klinke herunter.

«Mach die Tür auf!»

Endlich tue ich ihm den Gefallen und drehe den Schlüssel herum. Da steht er vor mir, mit hängenden Schultern, und rührt sich nicht. Ich rühre mich auch nicht, sehe ihm nur in die Augen, seine Lippen zucken. Schließlich fragt er:

«Hast du wirklich etwas genommen?»

«Was soll die Frage?»

«Ich will es nur wissen.»

«Mache ich den Eindruck?»

«Nein.»

«Na also.»

Wann versteht er endlich, dass ich kein Interesse mehr daran habe? Ich schlüpfe in meine Schuhe, hänge mir die Jacke über den Arm. Er bleibt mit den Händen in den Hosentaschen neben mir stehen. Wir müssen uns beeilen, wenn wir unseren Flieger noch kriegen wollen. Ich hätte nichts dagegen, ihn zu verpassen. Nur Philip freut sich, endlich wegzukommen. Weil er immer noch unschlüssig herumsteht, drehe ich mich zu ihm um:

«Was ist, willst du nicht mehr fliegen?»

«Doch, natürlich.»

Wir nehmen unsere Koffer. Philip wirft einen letzten prüfenden Blick in die Küche, ich knipse das Licht im Badezimmer aus. Dann laufen wir die Treppe mit dem dunkelblau lackierten Geländer nach unten. Ich würde lieber hier, bei meinen Sachen, bleiben. Als Philip mir die schwere Haustür aufhält, ich an ihm vorbei auf die sonnige Straße trete, fragt er:

«Und was ist mit dir, Lizzy?»

«Nichts. Wieso?»

«Du siehst so komisch aus.»

«Das tue ich doch immer.»

Zum Flughafen nehmen wir ein Taxi. Damit wir zusammen sitzen können, steigen wir beide hinten ein. Während der Fahrt liegen Philips schmale Hände auf seinen Knien, am linken Zeigefinger steckt sein mattgoldener Ehering. Immer wenn seine Hände so liegen, versuche ich mir vorzustellen, was für ein Junge er mit sechzehn wohl gewesen ist. Ich sehe ihn in seinem Schweizer Jugendzimmer auf einem blaugrauen Bettüberwurf sitzen. Um ihn herum ist es still und dämmrig. Bewegungslos schaut er aus dem weiß gerahmten Fenster in den blau schimmernden Garten hinaus, in dessen Mitte ein einzelner blühe