: Alexa Hennig von Lange
: Ich habe einfach Glück
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783688110209
: 1
: CHF 10.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 252
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der ganz normale Familienwahnsinn - hier kommt Lelle! Lelle ist fünfzehn und pubertiert. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Cotsch brilliert sie in der Schule nicht, dafür ist sie aber das Lieblingskind ihrer hypochondrischen Mutter und des cholerischen Vaters. Als Cotsch eines Abends verschwindet, macht sich Lelle auf, sie wieder zu finden. Dabei hilft ihr der Nachbarssohn Arthur, den der Vater irrtümlicherweise für einen Stricher hält. Kein Wunder, dass Lelle ihre Familie einfach nur peinlich findet.

1973 in Hannover geboren, gewann Alexa Hennig von Lange bereits mit 13 Jahren den NDR-Wettbewerb «Kinder schreiben für Kinder». 1997 erschien ihr Debütroman «Relax», der sie auf Anhieb zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation machte. Es folgten weitere Romane; außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Erzählungen und verfaßte Theaterstücke, u.a. für die Volksbühne in Berlin und das Schauspielhaus Hannover. Im Herbst 2002 wurde Alexa Hennig von Lange mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Mehr von und mit der Autorin unter www.alexahennigvonlange.de

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In der Schule bin ich immer fröhlich. Alle denken, Lelle hat ein sonniges Gemüt. Wenn ich ins Klassenzimmer komme, sagen die Leute aus meiner Klasse: »Die Sonne geht auf!« In den kleinen Pausen mache ich Witze. Ich lache über meine Witze, bis ich vor Lachen heulen muss. Ich rutsche vor Lachen von meinem Stuhl, kugle mich unter meinem Tisch vor Lachen. Und alle lachen mit. Ich bin zu jedem freundlich. Ich mache Witze und alle lachen. Ich am meisten.

Nach der Schule fahre ich mit dem Fahrrad nach Hause. Die schattige Allee mit den rosa blühenden Bäumen entlang. Den kleinen Berg hinunter. Den Fluss entlang. An den Wiesen vorbei. Über die Brücke, durch den kühlen Wald. Die Sonne scheint durch das grüne Laub. Auf dem Weg liegen leere, staubige Schneckenhäuser. Die Amseln zwitschern. Es ist Sommer. Und ich fühle mich so schrecklich allein. »Ich bin allein!« denke ich.

An diesem Sonntag ist es besonders schlimm. Schon am Morgen, als ich aufwache, und die Kirchturmglocken läuten, denke ich: »Ich bin allein!« Beim Mittagessen auf der Terrasse denke ich immer noch: »Ich bin allein!«

Am Nachmittag gehe ich in den Keller und hole mir ein bisschen von Mamas Ton. Der gammelt in dem grauen Plastikeimer neben Mamas Drehscheibe vor sich hin. Wenn Mama Zeit hat, töpfert sie Vasen. Solche mit runden Bäuchen und langen, dünnen Hälsen. Die verkauft sie dann beim Weihnachtsbasar in der Grundschule gegenüber. Da verkaufen alle Frauen aus der Siedlung ihre selbstgemachten Werke. Schamlos bauen sie ihre jämmerlichen Aquarelle, Zeichnungen, Räuchermännchen und Gestecke auf den kleinen Grundschultischen auf. Von der Decke hängt ein riesiger Adventskranz mit dicken roten Kerzen. Letztes Jahr ist das Monstrum plötzlich runtergekommen und der schmächtigen Frau Seidlitz auf den Kopf gesaust. Das gab ein Durcheinander! Jeder ist hingelaufen und wollte sehen, ob Frau Seidlitz in der Mitte durchgebrochen ist. War sie nicht. Die lag am Boden unter den Zweigen und hat gejammert: »Meine Lose, meine Lose!« Frau Seidlitz ist nämlich jedes Jahr für die Tombola zuständig, bei der es allerhand Haushaltsgeräte zu gewinnen gibt. Einmal gab es sogar eine Waschmaschine zu gewinnen. Die wollte aber keiner haben, weil den Leuten das Fabrikat nicht gut genug war. Mama hätte sie gerne gehabt. Aber Papa hat gesagt: »Kommt nicht in die Tüte! Sonst sieht das so aus, als könnten wir uns keine anständige Maschine leisten!« Darum ist die Waschmaschine nach Kalakamati in Simbabwe gegangen. Das ist unsere afrikanische Partnergemeinde. Ich frage mich, was die Menschen da mit einer Waschmaschine sollen. Haben die überhaupt eine Steckdose in der Wüste?

Auf dem Weihnachtsbasar essen alle Nachbarn Stollen, betrinken sich mit Glühwein aus Plastikbechern, und Mama verkauft ihre bunt glasierten Vasen. Das eingenommene Geld sortiert sie ganz schnell in ihre kleine rote Geldkassette, die sie in ihrer Stofftasche versteckt. Mama ist richtig gut gelaunt, wenn sie mal ein paar Pfennige dazu verdienen kann, weil Papa so mit dem Haushaltsgeld rumknausert. Da hat Mama aber Glück, die Leute mögen ihre Vasen. Ein paar Wochen vor Weihnachten gerät Mama deshalb immer unter Druck, weil sie befürchtet, dass sie nicht genügend Vasen fertig kriegt. Je mehr Vasen sie produziert, desto mehr Geld wird reinkommen. Ist ja klar! Neben dem Telefon im Wohnzimmer liegt sogar eine Liste für Vorbestellungen. Das ganze Jahr über rufen Leute an und wollen Mamas Vasen vorbestellen. Einmal haben