ES ist Anfang August. In ein paar Tagen hätte mein Bruder Geburtstag, und an seinem Geburtstag waren wir immer irgendwo am Meer. Dieses Jahr fahren wir nicht ans Meer, mein Vater will nicht ans Meer, ihn erinnert das zu sehr an meine Mutter und meinen Bruder, genau wie unser Haus, in dem er als Einziger zurückgeblieben ist. Mein Vater sitzt auf dem schmalen Bett meiner Mutter, unter ihm wirft der farbige Überwurf Falten und verrutscht. Mein Vater merkt es nicht, seine Augen werden feucht, trotzdem blinzelt er nicht, bewegt sich nicht. Er sitzt aufrecht, ich bleibe in der Tür stehen und sehe aus dem Fenster, hinaus zur Akazie, die in unserem Garten steht. Meine Eltern haben sie damals an einem heißen Sommertag an einem Bahndamm ausgegraben. In meiner Vorstellung knistert das trockene Gras, staubt der sandige Boden unter ihren Füßen, als sie gemeinsam versuchen, die Wurzeln des Bäumchens in eine Plastiktüte zu stecken. Das ist lange her, wie lange genau weiß ich nicht, auf jeden Fall war ich noch nicht geboren, meine Mutter nicht einmal schwanger, wahrscheinlich waren sie noch Studenten, mein Vater im weißen Hemd und schwarzen Pullunder. Meine Mutter, gebräunt und sommersprossig. Sie hatte viele Sommersprossen, im Gesicht und auf den Armen.
Zwischen den Blättern der Akazie sind die niedrigen Nachbarhäuser der Siedlung zu sehen. Weiter hinten die roten Hochhäuser. «Ich weiß noch, wie Mama hier oben für dich Kleidchen genäht hat!» Mein Vater schwärmt, und er vergisst den entscheidenden Punkt: Er war selten da, wenn wir da waren, und ich weiß nicht, warum meine Mutter mich damals nicht mitgenommen hat.
Ich weiß sehr vieles nicht. Ich weiß nur, woran ich mich erinnere, und das wird von Tag zu Tag mehr und jetzt, als Papa und ich den holperigen Weg zwischen den Feldern entlangfahren, das hohe Korn gegen die silbernen Seitentüren peitscht, erinnere ich mich an noch viel mehr, und ich sehe meine Mutter schräg vor mir und meinen Bruder neben mir sitzen. Seine weißen, dünnen Beinchen, seine Knie auf der Mitte des blauen Autositzes, den großen, runden Leberfleck auf seinem linken Knie, den er «Mond» nannte. Ich erinnere mich an seine kleinen Hände, an seine helle, gewölbte Stirn. Vor seiner Geburt hatten die Ärzte einmal vermutet, er könnte vielleicht einen zu großen Kopf haben, und Mama ging davon aus. Und Papa war nicht da, um mit ihr die Sorge zu teilen, also teilte ich mit ihr die Sorge, und schließlich hatte mein Bruder doch keinen Wasserkopf, und meine Mutter und ich hatten uns einen Sommer lang umsonst Sorgen gemacht. Ich, auf der Schaukel unter der Pergola, meine Mutter auf dem gelben Klappstuhl unter der Akazie, mit dickem Bauch, hochgelegten Beinen. Die rote, mit Tränenden Herzen gesäumte Gartenmauer im Blick; kurz lächelte sie mich an, gab mir ein Zeichen, ich sollte zu ihr kommen. Ich rutschte von der Schaukel, lief zu ihr, sie gab mir einen Kuss. Ich legte meinen Kopf an ihre Schulter, meine Arme um ihren Hals, als sie flüsterte: «Mein Liebling!»
Und ich sehe meine Mutter vorne im Auto neben meinem Vater sitzen und einen Apfel schälen, wie sie immer Äpfel für uns auf dem Weg in den Urlaub geschält hat, und ich erinnere mich an das glitzernde Meer lin