Auf der Türschwelle vor Tessis Haus hockt ein Junge mit langen Haaren, offenem Hemd und Zigarette. Ich würde sagen, so eine Art Rock-’n’-Roll-Freak! Also genau mein Typ. Darum wäre es gut, wenn er mich wahrnehmen würde, bevor ich es mir oben mit den Langweilern gemütlich mache. Mehr will ich gar nicht. Nur, dass er mich sieht und weiß, dass es mich gibt. Keine Ahnung, was mir das bringt, denn ich bin ja schon an Arthur vergeben. Vielleicht, dass meine Jugend nicht verschenkt ist. Ich meine, ein Kunstwerk hängt man ja auch an die Wand, damit die Leute es bestaunen können. Also bleibe ich vor ihm stehen, und er blinzelt zu mir nach oben.
«Hi.»
Ich gucke ihm gleich mal in die Augen, um zu prüfen, ob sich seine Pupillen weiten. Ich habe nämlich irgendwo gelesen, dass das passiert, wenn man jemanden erregend findet. Leider hängen ihm zu viele Haare vor dem Gesicht, sodass der Test missglückt. Auch sonst deutet an seinem Verhalten nichts darauf hin, dass er mich umwerfend findet. Er rückt stumpf zur Seite, und mir bleibt nichts anderes übrig, als an ihm vorbei ins dunkle Treppenhaus zu gehen, bis in den zweiten Stock. Mann, mit dem hätte ich gerne den Abend verbracht. Der sah so richtig verrucht und gefährlich aus. Aber was soll ich machen? Ich kann ihn ja nicht einfach ansprechen und sagen: «Na, heute schon was vor?» Eins ist auf jeden Fall schon mal klar: So einen Typen treffe ich nie wieder. Der war eine echte Rarität.
Oben steht die Wohnungstür offen, und Tessis Mutter lehnt mit einer Zigarette zwischen den Fingern und knallrotem Lippenstift im Rahmen. Ich nehme an, sie hat schon ordentlich was getrunken. Eigentlich ist sie immer betrunken.
«Lelle, schön, dich zu sehen. Tessi wartet schon auf dich.»
«Guten Abend, Frau Jäger.»
«Geh rein, und nimm dir was zu trinken.»
Gerade als sie mich umarmen will, wird sie von einem zweiten Jungen mit langen Haaren zur Seite gedrückt. Sie stolpert rückwärts ins Badezimmer rein, und hier scheinen echt alle Jungs lange Haare zu haben. Wahnsinn! Der reinste Axl-Rose-Kongress ist das. Solche Männer habe ich Tessi gar nicht zugetraut, weil die eigentlich eher auf Piefköpfe mit Seitenscheitel und Brille steht. Eben so milchige Typen wie ihr Freund. Total unbelasteter Charakter. Der Junge mit den langen Haaren rennt an mir vorbei, die Treppen runter, und von drinnen ruft jemand: «Barry! Barry!» Aber der Junge rennt weiter und brüllt: «Jetzt nicht.»
In der Wohnung ist es voll. Überall stehen Leute mit langen Haaren und Bierflaschen in den Händen. Besonders im Wohnzimmer. Leute, das ist der Hammer! Hier ist kaum jemand, den ich kenne. Ich dachte, die ganze Chorbelegschaft rückt an. Von wegen! Höchstens zwei, drei Mädchen sind anwesend, der Rest sind harte Jungs mit Zigarettenpäckchen im T-Shirt-Ärmel. Leute, ich bin in Rock-City gelandet! Durch dieses Gerammel kommt mir Tessi entgegen, und ich muss sagen, sie sieht schlimm aus: Rotes Samtkleid mit goldener Stickerei über die Brust. So was würde ich nicht mal zu Fasching anziehen. Sie drückt mich fest an sich, ich drücke zurück, und dabei glotze ich direkt auf die goldene Stickerei, die sich über die Schulter nach hinten auf den Rücken ausweitet, und das Ganze riecht nach Mottenkugel.
«Wer sind diese Leute?»
«Keine Ahnung. Die sind mit der Band mitgekommen.»