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Belleville rühmte sich einer Grande Rue, obwohl es nur ein Dorf mit weniger als tausend Einwohnern war, mit verwinkelten Steinhäusern und krummen Gässchen. Auf dieser Hauptstraße gab es einen Bäcker, einen Metzger, eine Apotheke, das Maison de la Presse und das Café von Francine. Sie zerschnitt das Dorf in eine Hälfte oberhalb und eine Hälfte unterhalb der Kirche. Tori wohnte unterhalb, im »Externat«, mit Blick auf einen bewaldeten, zum Teil parkähnlichen Hang. Hinter ihrem Haus führte eine steile Treppe auf einen schmalen Gang, der vor dem Haus des Metzgers mündete. Dort und beim Bäcker gleich nebenan fand der Dorfklatsch statt, wenn es denn etwas zu beklatschen gab.
Tori hatte ihren Einkaufskorb vom Haken genommen und die protestierende July zu Hause gelassen, eigentlich wollte sie nur Brot kaufen und ein paar Fleischreste für den Hund. Doch vor Metzger und Bäcker hatten sich alle versammelt, die ein dringendes Bedürfnis verspürten, sich über vergangene und künftige Schrecken auszutauschen, heute ging es – worum sonst? – um das Feuer auf denGras.
In der Schlange vor dem Metzger stand Karim, mit rollenden Augen und zerrauften dunklen Locken, ein bulliger Kerl, der dem mutmaßlichen Brandstifter Fürchterliches anzutun drohte, weshalb sie schnell weiterging zum Bäcker. Sie mochte Karim nicht sonderlich, und das hatte mehrere Gründe. Zum einen störte es sie, dass er auf der Straße unterhalb ihres Maison Sarrasine unter deftigen Flüchen an den maroden Autos seiner Kumpels herumschraubte und dabei seine Umgebung mit einer Art arabischem Hip-Hop zudröhnte. Vor allem aber verzieh sie ihm nicht, dass er July misshandelt hatte. Er hatte das Tier von einem verunglückten Kumpel übernommen und geglaubt, sich einen menschenbissigen Kampfhund ins Haus geholt zu haben. Doch July war alles andere als das, und dafür war sie bestraft worden. Tori hatte das halbverhungerte Tier gerettet, das ihr seither täglich seine Dankbarkeit bewies. Sicher, Karim hatte sich später für seine Brutalität entschuldigt. Dennoch.
Am Ende der Schlange vor dem Bäcker stand Hugo, Toris Nachbar, ein Rentner, der jeden Morgen um Punkt sieben Uhr das Brennholz für den Küchenherd seiner Frau hackte, bevor er mit seinem betagten Moped auf einen kleinen Schwarzen mit Schuss ins Café de la Beaume nach Rosières knatterte. »Das war kein Gewitter. Das war Brandstiftung«, sagte er zu jemandem vor ihm. »Irgendein wilder Camper hat sich ein Feuerchen gegönnt. Touristen eben. Landplage.«
Tori hörte dem Gemurmel um sie herum nur mit halbem Ohr zu, während sie sich langsam mit den anderen vorschob. Egal, ob es ein Gewitter gewesen war oder Zündelei: Feuer prägte die Landschaft des Vivarais.
»Die Cevennen müssen brennen.« Für einen Moment spürte sie einen eisig kalten Luftzug, der die morgendliche Hitze durchschnitt. Das war der Schlachtruf im königlichen Heer gewesen, das ausgezogen war, um die rebellischen Protestanten des Vivarais zur Raison zu bringen. Jahrelang hatten sich die Hugenotten gegen ihre Verfolgung zur Wehr gesetzt. Erst 1710 war der letzte Aufsta