Es regnete immer noch. Eintönig, nicht enden wollend, monoton. Am frühen Abend des Vortags hatte es begonnen und seither nicht nachgelassen. In der Nacht war auch noch Wind aufgekommen. Alice zog unter der Decke die Schultern zusammen und rollte sich ein. Es war kalt geworden. Aber vielleicht war es auch nur ihre Müdigkeit, die sie frösteln ließ. Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen, immer wieder hatte sie in das stete Rauschen des Regens gelauscht und den Nachrichteneingang ihres Mobiltelefons überprüft. Gegen Morgen war sie schließlich kurz eingeschlafen, aber schon bald war sie wieder aufgeschreckt. Ihr Herz klopfte und sie lauschte in die Stille des Hauses. Sie stand auf und blickte aus dem Fenster, aber von hier konnte sie außer den ausladenden Baumkronen der Pinien, die sich ächzend im Wind bewegten, nicht viel sehen. Ohne Licht zu machen, zog sie sich an und verließ leise das Forsthaus. Drei Möwen flogen laut kreischend über sie hinweg. Eilig lief sie über die matschig gewordenen Wege zum kleinen Bistro am Fährableger, es schmatzte und knirschte unter ihren Füßen und im Nu waren ihre Turnschuhe durchnässt, der Regen trommelte ihr auf den Kopf, sie hatte ihn tief in der Kapuze ihres Pullovers verborgen. Vorsichtig öffnete sie das Tor, gerade so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnte, ohne dass es anfing zu quietschen. Sie tastete mit klammen, nassen Fingern nach dem Schlüssel unter einem der Blumentöpfe und schloss leise die Tür auf.Le Bistro de la Guerite stand auf einer Holzplanke, die über der Eingangstür hing. Im Bistro zog sie eilig den kleinen Gasofen aus der Ecke und presste mit einer Hand den knatternden Anzünder, während sie mit der anderen gleichzeitig am Thermostat drehte. Wie durch ein Wunder sprangen diesmal alle drei Heizfelder an. Sie atmete auf und kauerte sich einige Sekunden vor die wohlige Wärme. Dann heizte sie die Kaffeemaschine auf, sie lechzte nach einer großen Tasse frischen heißen Kaffees. Sie hoffte, dass Regen und Wind die Geräusche im Bistro dämpften, keinesfalls wollte sie Pascal, der in einem Anbau neben dem Bistro schlief, mit dem dröhnenden Gebrumm und Gezische der Kaffeemaschine wecken. Ihren ersten Kaffee und die erste Zigarette nahm sie gern allein und in aller Ruhe ein. Sie mochte noch nicht sprechen, und schon gar nicht wollte sie von Menschen umgeben sein, die ihr auf die Nerven gingen. Pascal ging ihr zunehmend auf die Nerven. Sie setzte sich mit dem Kaffee an die Fensterfront, drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und zog daran. Dann öffnete sie eines der Fenster einen Spalt weit und blies den Rauch hinaus: Es war ihre Variante des »draußen« Rauchens, wenn sie alleine war. Sie seufzte und zog noch einmal tief an der Zigarette. Zeit, den Abflug zu machen, dachte sie.
Ein Sommerjob als Surflehrerin hatte sie auf die Insel gebracht und sie hatte die langen sonnigen Sommermonate hier verbracht. Wie in einem Traum hatte sie sich anfangs hier gefühlt, geborgen und seltsam fern von allen drängenden Fragen und Weltproblemen. Grün und lieblich war die Insel, stundenlang war sie immer wieder die kleinen Wege abgelaufen, ohne sie sattzuhaben. Beinahe täglich hatte sie sich auf die schroffen Klippen auf der Südseite gesetzt und hinaus aufs Meer gesehen. Wie hatte sie es genossen, wenn die Schwärme von Tagesausflüglern abends mit der letzten Fähre wieder verschwunden waren und die Schreie und das Geplapper der Cannoiser Schulkinder im Fort langsam verstummten, bis es endgültig still wurde auf der Insel. Wie wundervoll war es gewesen, im sanften Abendlicht zu schwimmen und dabei den dahingleitenden Möwen zuzusehen. Es war unglaublich, dass nur einen Steinwurf entfernt von Luxus und Eitelkeiten der Côte d’Azur diese kleine, fast unberührte Insel existierte, die sich trotz des Touristenansturms bislang gegen alle modernen Errungenschaften behauptete. Hier gab es nichts. Nur einen Kiosk, der aber nicht einmal Souvenirs verkaufte, sondern nur ein Minimum an Sandwiches, Eis und Getränken anbot, daneben ein paar kleine Häuschen, die ausschließlich im Sommer bewohnt waren, das alte Fort, in das ein Museum integriert war und ein paar Hütten, in denen Naturschützer in großen Aquarien etwas von der Meeresfauna und Flora zeigten. Das Forsthaus natürlich und die Sege