1. KAPITEL
Jason Harcourt griff nach dem Telefon, hielt dann aber inne und ließ den Arm sinken. Entschlossen schob er beide Hände in die Taschen seiner abgetragenen dunklen Cordhose und straffte die breiten Schultern.
Der Raum engte ihn ein. Die überladenen französischen Antiquitäten, die Gemälde in den barocken Rahmen, die schweren Teppiche drohten ihn zu ersticken. Er ging zu den hohen, kunstvoll dekorierten Terrassentüren. Die dunklen Brauen über den grauen Augen zusammengezogen, blickte er finster in den winterlich-kahlen Park von Lytham Court hinaus.
Er hasste diesen Ort!
Es war sieben Jahre her, dass er zuletzt den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte – abgesehen von der knappen Stunde, die er nach der Beerdigung von Harolds zweiter Frau Vivienne hier verbracht hatte –, und auch jetzt war er nur gekommen, weil ihm keine andere Wahl geblieben war. Lytham barg zu viele schlechte Erinnerungen.
Nach Viviennes Tod vor vier Jahren hatte er in gewisser Weise Frieden mit Harold geschlossen, dem Mann, der ihn vor fast dreißig Jahren nach der Hochzeit mit Jasons verwitweter Mutter adoptiert hatte. Als Dreijähriger hatte Jason ihn problemlos akzeptiert, zumal sein leiblicher Vater vor der Geburt des Sohnes bei einem Absturz in den Bergen umgekommen war.
Seine Mutter war an Leukämie gestorben, als er siebzehn gewesen war, und erst danach hatte er begonnen, seinen Adoptivvater mit anderen Augen zu betrachten.
Aber das war jetzt Vergangenheit, und der brüchige Frieden zwischen ihnen hatte nur überdauert, weil Jason darauf bestanden hatte, dass ihre seltenen Treffen im Londoner Club des alten Mannes stattfanden. Auf neutralem Boden. Inzwischen war er froh, dass er – wenn auch skeptisch – eingelenkt und Harolds Beteuerungen, er habe sich geändert, Glauben geschenkt hatte. Zumindest so viel war er seinem Adoptivvater schuldig gewesen.
Seine Zweifel waren jedoch in pure Ungläubigkeit umgeschlagen, als Harold ihm bei ihrer letzten Zusammenkunft vor zwei Monaten rundheraus verkündet hatte: „Georgia ist seit sechs Monaten wieder in England. Wir treffen uns ziemlich regelmäßig.“
Jason hatte bemerkt, wie die bloße Erwähnung ihres Namens Harolds müde, blasse Augen leuchten ließ und das hagere Gesicht des älteren Mannes belebte. Harold hatte seit Viviennes Tod langsam, aber sicher abgebaut, und allein dieser körperliche Verfall hatte Jason daran gehindert, den gemeinsamen Lunch abrupt zu beenden und aus der bedrückenden Atmosphäre des Clubs hinauszustürmen in die vermeintliche Normalität des Londoner Verkehrschaos.
„Du hast also immer noch Kontakt mit Georgia.“ In Jasons Worten schwang die alte Bitterkeit mit, die sich seiner stets bemächtigte, sobald er so unvorsichtig war, an Georgia zu denken.
„Seit Vivvie tot ist, ja. Möge sie in Frieden ruhen, aber sie war das einzige Hindernis dabei. Sie wollte nicht, dass man auch nur den Namen ihrer Tochter erwähnte.“ Harold schob seinen Teller beiseite.
Jason folgte seinem Beispiel. „Ich erinnere mich, dass du das Schweigen brechen und sie in New York anrufen wolltest, um sie über Viviennes Tod zu informieren“, begann er vorsichtig. Er hatte sich erboten, seine persönliche Abneigung außer Acht zu lassen und die Nachricht von dem tödlichen Autounfall zu überbringen, damit Harold diese Pflicht erspart blieb, doch der alte Mann hatte beharrt, es sei einzig und allein seine Aufgabe. Wie sich herausgestellt hatte, war alle Sorge überflüssig gewesen, sie hatte nicht einmal so viel Anstand gehabt, am Begräbnis ihrer eigenen Mutter teilzunehmen.
„Nun ja …“ Harold mied seinen Blick. „Es gab einige Dinge, die gesagt werden mussten, und ich habe sie gesagt“, erwiderte er geheimnisvoll. „Und ich denke, wir sind einander wieder recht nahe gekommen, seit die Angelegenheit bereinigt ist. Es ist nicht gut, alten Groll zu pflegen. Jedenfalls ist sie nun wieder nach England zurückgekehrt. Sie leitet in Birmingham ein Marketingteam der dortigen Niederlassung dieser Werbeagentur – du erinnerst dich sicher, dass sie ihre Freundin Sue begleitet hat, als deren Vater eine Filiale in New York eröffnete.“
Jason sah verzweifelt auf die Uhr. Er hatte genug. Natürlich erinnerte er sich!
„Wir könnten vielleicht mal ein Wochenende zu dritt auf Lytham verbringen“, schlug Harold vor. „Alte Streitigkeiten beilegen … Du und die kleine Georgia seid die einzigen Angehörigen, die ich noch habe.“
„Verschon mich mit diesen Sentimentalitäten.“ Jason warf seine Serviette auf den Tisch. „Das zieht bei mir nicht.“ Er stand auf.
„Es war zumindest einen Versuch wert.“ In