: Christine Mangan
: Nacht über Tanger Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641217792
: 1
: CHF 3.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 368
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Frauenfreundschaft, die zur Obsession wird.

Tanger 1956: Alice Shipley ist ihrem Mann John nach Marokko gefolgt. Doch während John sich ins Nachtleben stürzt, verkriecht sich Alice in der gemeinsamen Wohnung. Da steht eines Tages Lucy Mason vor ihrer Tür, Alice' Zimmergenossin aus Collegezeiten, die sie seit einem mysteriösen Unfall ein Jahr zuvor nicht mehr gesehen hat.

Bald beschleicht Alice das ihr nur allzu vertraute Gefühl, von Lucys Fürsorge kontrolliert und erstickt zu werden. Als John plötzlich verschwindet, wird Alice von dem Unfall eingeholt und sie fängt an, an Lucys Vertrauenswürdigkeit und ihrem eigenen Verstand zu zweifeln.

Ein spannender Roman über eine komplexe Freundschaft, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse, Normalität und Wahnsinn fließend sind.

Christine Mangan, geboren 1982, hat Creative Writing studiert und am University College Dublin zur Gothic Literature promoviert. »Nacht über Tanger« ist ihr erster Roman und hat sich in 20 Länder verkauft. Die Filmrechte gingen an die Produktionsfirma von George Clooney. Christine Mangan lebt in Brooklyn, New York, und schreibt an ihrem zweiten Roman.

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A L I C E

Dienstag war Markttag.

Nicht nur für mich, sondern für die gesamte Stadt. Zuerst kamen die Frauen aus dem Rif-Gebirge. Ihre Körbe und Karren waren prall gefüllt mit Obst und Gemüse, neben ihnen her trotteten Esel. Tanger erwachte binnen weniger Minuten zum Leben: Menschenmassen strömten herbei, in den Straßen drängten sich Männer und Frauen, sowohl Fremde als auch Einheimische, zeigten auf die gewünschten Waren, diskutierten und feilschten. Münzen wechselten den Besitzer für dieses und jenes. Die Sonne schien an jenen Tagen heller zu leuchten, heißer zu sein, und sie brannte sengend auf meinen Nacken.

Als ich am Fenster stand und auf die immer größer werdende Menge hinabblickte, wünschte ich, es wäre noch Montag. Doch war mir klar, dass der Montag immer nur eine trügerische Hoffnung war, ein trügerischer Trost. Denn der Dienstag, an dem ich in diesem Chaos bestehen müsste, würde unweigerlich kommen. Den beeindruckenden, herausgeputzten Frauen aus dem Rif-Gebirge gegenüber, die in ihren farbenprächtigen Kleidern um Aufmerksamkeit buhlten und mein tristes, gewöhnliches Kleid musterten, das mit ihrer farbenfrohen Tracht nicht mithalten konnte. Unbehagen würde in mir aufsteigen – Unbehagen darüber, dass ich viel zu viel für die Waren bezahlen würde, ohne es zu merken. Unbehagen darüber, dass ich die falsche Münze geben und etwas Falsches sagen würde. Unbehagen darüber, dass ich einen Narren aus mir machen würde und alle lachen würden und so offen zutage treten würde, wie töricht es von mir war hierherzukommen.

Marokko. Der Name des Landes beschwor in mir Bilder eines riesigen, öden Nichts und einer stechenden roten Sonne herauf. Als John ihn zum ersten Mal erwähnte, verschluckte ich mich an dem Drink, den er mir in die Hand gedrückt hatte, und musste husten. Wir hatten uns im Ritz in der Piccadilly Street getroffen, aber auch das nur auf Drängen von Tante Maude – einem Drängen, das mir in den Wochen nach meiner Rückkehr aus Bennington Kopfschmerzen verursachte, die ich nie ganz loswurde. Ich war erst vor wenigen Monaten nach England zurückgekehrt, und John kannte ich noch nicht einmal so lang. Doch in jenem Augenblick war ich mir sicher, sie zu spüren – seine Begeisterung und seine Tatkraft erfüllten den Raum und durchdrangen die warme Sommerluft. Begierig, danach zu greifen, es zu fassen zu bekommen und etwas davon in mich aufzunehmen, beugte ich mich zu ihm und ließ die Vorstellung Gestalt annehmen. Afrika. Marokko. Ein paar Wochen zuvor hätte ich mich noch gescheut, eine Woche später vielleicht nur darüber gelacht – doch an jenem Tag, in jenem Moment, als ich seinen Worten lauschte, seinen Versprechungen, seinen Träumen, kamen sie mir so real vor, so erreichbar. Zum ersten Mal seit Vermont, so wurde mir bewusst, wollte ich etwas – ich wusste nicht genau, was, und selbst in jenem Moment hatte ich den Verdacht, dass es womöglich noch nicht einmal der Mann war, der da vor mir saß, trotzdem aber wollte ich etwas. Ich nahm einen Schluck von dem Cocktail, den John mir bestellt hatte. Der Champagner war bereits warm und schal, und ich spürte die Säure auf