: Philippe Besson
: Hör auf zu lügen Roman − Ausgezeichnet mit dem Euregio-Schüler-Literaturpreis 2021
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641225254
: 1
: CHF 10.80
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: Erzählende Literatur
: German
: 160
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Über die Zwänge der Moral und die rettende Kraft der Worte

Philippe ist 17 Jahre alt und ein Außenseiter. Als hochbegabter Sohn des Schuldirektors, der wenig Kontakt zu den Mitschülern hat, lebt er in einem französischen Provinznest. Er fühlt sich von seinem Klassenkameraden Thomas, einem geheimnisvollen und charismatischen Winzersohn, angezogen und ist ganz verblüfft, als dieser sein Interesse erwidert. Thomas wird seine erste und große Liebe. Eine Liebe, die nur im Verborgenen gelebt werden darf und die für Thomas tragisch endet, weil er, geprägt durch die ländlichen Konventionen, seine sexuelle Identität sein Leben lang verleugnen wird. Ein authentischer und tief berührender Roman über Liebe und Identitätsfindung.

»Besson gelingt es, sehr genau, empathisch und ohne jede Peinlichkeit die Gefühle zweier fast Erwachsener zu beschreiben. Der Roman ist eine Hommage an das Schreiben und das Erzählen, die im besten Falle Leben retten können.«Dina Netz, Deutschlandfunk»

P ilippe Besson wurde 1967 in Barbezieux, einem Dorf in der Charente, geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Bordeaux und der Oberstufe in Rouen, ging Besson 1989 nach Paris, wo er zunächst eine Laufbahn als Jurist und Dozent für Sozialrecht einschlug. 1999 begann er an seinem ersten RomanZeit der Abwesenheit zu schreiben, der Anfang 2001 in Frankreich erschien. Fortan veröffentlichte er fast jährlich einen neuen Roman.

Noch immer Bordeaux. Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen. Die Stadt hat sich verwandelt. Als ich achtzehn war, war sie dunkel, die Gemäuer wie verrußt. Jetzt ist sie hell, die Fassaden wurden gereinigt, Ockerton herrscht vor. Sie war abweisend, zerfiel. Nun hat sie sich geöffnet, Jugend hat ihre Viertel in Beschlag genommen, abends hat sie sogar etwas Spanisches, das rührt von den vielen Leuten auf den Plätzen oder in den Straßencafés, vom Klang der Gläser beim Anstoßen, von den Gesprächen, die leichter Wind heranträgt, von der guten Laune. Die Bürgerschaft war damals vergreist, nun ist sie frisch und zwanglos. Doch vor allem hat die Stadt seither ihren Fluss wiederentdeckt, seine Kais umgestaltet und herausgeputzt. Zuvor verfielen dort Schlachthöfe, Unkraut wucherte, Stacheldraht, Schlamm, Sie machen sich keine Vorstellung. Doch sehen Sie jetzt nur, wie elegant, diese Uferanlagen, Rasen, Platanen, der sogenannte Wasserspiegel gegenüber der Place de la Bourse und direkt davor die Straßenbahn.

Ich bin Schriftsteller geworden. Ich bin zu einer Diskussion und einer Signierstunde in einer Buchhandlung angereist. Man kommt auf meinen jüngsten Roman zu sprechen. Sie sind mein Leben geworden, die Bücher. Es ist zu spät, um heute Abend nach Paris zurückzufahren, kein Zug mehr, mir wurde ein Hotelzimmer reserviert, unweit der Esplanade Tourny. Morgen früh soll ich noch eine Journalistin treffen, und ich werde die Stadt ein bisschen genießen können, vielleicht einfach an der Garonne bummeln, bevor ich dann wieder aufbreche, heim zu mir.

Es ist exakt dieser Morgen. Das Gespräch verebbt allmählich, als ich einen Umriss erblicke, mit seinem Koffer den jungen Mann von hinten, der das Hotel verlässt. Und ich sehedie Erscheinung, die es nicht geben kann, und rufe den Vornamen. Ich stehe abrupt auf, um den Jungen auf dem Gehsteig einzuholen, ihn an die Schulter zu fassen, er dreht sich um.

Und er ist esbeinahe.

Sagen wir, die Ähnlichkeit ist atemverschlagend und mehr noch. Sie ist es in einer Weise, dass es mir kalt den Rücken hinunterläuft, dass mir schwindelig wird, ich für Augenblicke leicht taumele, ich schnappe nach Luft (dergleichen Situation wirkt sich physisch aus, bis ins Mark, so, wie Lebensgefahr panische Angst mit hektischem Bewegen, Verkrampfung hervorruft).

Die gleichen Gesichter, derselbe Blick, erschreckend. Beängstigend.

Doch ein winziger Unterschied, der wahrscheinlich mit der Gesamterscheinung oder mit dem Lächeln zu tun hat, besteht.

Und dieser winzige Unterschied lässt mich wieder zu Sinnen kommen, vernünftig werden.

Als ich klar denken kann, sage ich zu dem jungen Mann nicht: Entschuldigung, ich habe mich geirrt, ich glaubte, jemanden wiedererkannt zu haben. Ich sage auch nicht: Wenn Sie wüssten, wie sehr Sie jemandem ähneln, den ich vor langer Zeit gekannt habe. Ich sage: Du bist dasvollkommene Ebenbild deines Vaters. Wie aus der Pistole geschossen antwortet er: Das höre ich dauernd.

Dann bleiben wir ohne ein weiteres Wort stehen. Ich betrachte ihn, wie ich ein Gemälde betrachten würde. Das heißt, ich spähe nach Details, verharre, benehme mich, als lebte er nicht, als ob er wiederum nicht mich musterte. Ein Abbild, wahrlich.

Mein Körper beruhigt sich.

Mein Prüfen muss dem jungen Mann peinlich sein. Am besten sich dem entziehen. Oder er hält es sogar für unverschämt, plump. Doch nein, er findet es eher unterhaltsam, er lächelt. Ich hatte recht: Das Lächeln ist nicht exakt dasselbe.

Ich frage, ob er es eilig oder, ganz im Gegenteil, Zeit für einen Kaffee habe. Ich höre mich selbst die Frage stellen, die mir herausrutscht, gedankenlos entschlüpft, die ich nicht