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HANNAH
Letzte Woche hat Charlie sich die Pulsadern aufgeschnitten. Mit einem Stück karamellisiertem Zucker.
Vorher hatten wir unter Jonis wachsamen Blicken gemeinsam in der Klinikküche Bonbons gemacht.
»Deins ist so hart, daran kannst du dich glatt verletzen«, habe ich zu Charlie gesagt. Es war als Witz gemeint.
»Ob sie das wohl auf die Idee gebracht hat?«, kommentierte Odelle später spitz.
Nach Charlies Tod wurde Backen jedenfalls auf die Liste der verbotenen Aktivitäten gesetzt. Allerdings fühle ich mich nicht schuldig. Ich glaube nämlich nicht, dass Charlie sich umgebracht hat. Genauso wenig wie ich glaube, dass die arme Sofia sich umgebracht hat. In einer psychiatrischen Klinik mit Hochrisikopatienten wie diesen sterben ständig Leute. Es ist eines der hervorstechenden Merkmale der Klinik. Und das macht es für einen Mörder so leicht, sich hier vor aller Augen zu verstecken. Das und die Tatsache, dass wir die einzigen Zeugen sind und niemand uns auch nur ein einziges Wort glaubt. Man muss nicht verrückt sein, um einen Platz hier zu bekommen, aber … Moment mal, doch, das muss man. Ich habe Angst. Ich habe Angst, richtig zu liegen und die Nächste zu sein. Und sogar noch mehr Angst habe ich davor, falschzuliegen, denn in diesem Fall wäre ich dann wohl so verrückt, wie alle denken. Hier drin eingesperrt, bleibt mir als einzige Zuflucht mein eigener Kopf. Und was, wenn mein Kopf der gefährlichste aller Plätze ist?
Stella kommt in mein Zimmer und legt sich wortlos quer über das Fußende meines Bettes. Ihre Haut spannt über den scharfen Wangenknochen, und ich kann gar nicht hinsehen aus Angst, sie könnte reißen.
»Das stimmt nicht«, sage ich zu ihr.
Mein Zimmer liegt zur Seite des Gebäudes hinaus. Ich sitze am Fenster in dem beigefarbenen Sessel und blicke auf den Rosengarten hinaus, auf den halbherzig der Regen vom Flachdach des Tanzstudios hinabtropft, auch an der Front mit den verglasten Schiebetüren rinnt Wasser hinab. Alle Möbel in meinem Raum sind irgendwie beige. Ecru. Sandfarben. Eierschale. Das ganze obere Stockwerk ist in der Farbe von Mullbinden gehalten. Wahrscheinlich, um uns nicht über die Maßen anzuregen. Stella dreht den Kopf, sodass ihre großen blauen Augen mich direkt anblicken. Die Kette, die sie immer trägt, ist seitlich hinabgerutscht, sodass die kleine silberne Katze aussieht, als würde sie sich ins Federbett kuscheln.
»Woher weißt du das?«, fragt sie schließlich mit ihrer leisen, rauchigen Stimme.
Ich runzle die Stirn. »Mal ehrlich«, antworte ich dann. »Es geht um Charlie.«
»Ging«, korrigiert sie mich. Und bricht in Tränen aus.
The Meadows ist ein altes Landhaus im georgianischen Stil, inklusive efeuüberwucherter Fassade und Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichen. Wegen der halbkreisförmigen, gekiesten Auffahrt wähnt man sich am Set eines Jane-Austen-Films, erwartet jeden Moment, dass die große Eingangstür auffliegt und eine Horde