IN BESTER GESELLSCHAFT
Obwohl eine ganze Branche einem das Gegenteil erzählt, bietet das mittlere Lebensalter nur wenige echte Freuden. Der einzige Lichtblick, der mir einfällt, ist, dass man mit etwas Glück ein Gästezimmer hinzugewinnt. Manche kommen automatisch in den Genuss, wenn ihre Kinder das Haus verlassen, andere, so wie ich, kaufen sich irgendwann ein größeres Haus. »Folgt mir«, sage ich jetzt und führe unsere Gäste zu einem Raum, der nicht auf die Schnelle für sie hergerichtet wurde. Er dient nicht gleichzeitig als Arbeitszimmer oder Webkammer, sondern hat nur einen einzigen Zweck. Ich habe das Zimmer mit einem Bett statt mit einer Ausklappcouch ausgestattet, und an der Wand befindet sich, genau wie im Hotel, ein Gepäckständer. Das Beste ist aber das eigene Bad.
»Wenn ihr lieber duscht statt badet, kann ich euch oben imzweiten Gästezimmer unterbringen«, sage ich. »Da gibt es auch einen Gepäckständer.« Ich höre die Worte, als kämen sie aus dem Mund einer Sprechpuppe, und erbebe mit der Zufriedenheit eines Mannes in den besten Jahren. Ja doch, mein Haar ist grau und ausgedünnt. Ja doch, das Ventil in meinem Penis ist undicht, und nach dem Pinkeln gehen immer ein paar Tropfen in die Hose. Aber ich habe zwei Gästezimmer.
Wenn man in Europa lebt, lockt man damit Gäste an, jede Menge Gäste. Die Leute zahlen ein Vermögen für ihren Flug aus denUSA. Bei ihrer Ankunft sind sie pleite und erschöpft und würden vermutlich auch in unserem Auto schlafen, wenn wir sie darum bäten. In der Normandie hatten wir ein Haus auf dem Land und quartierten unsere Gäste auf dem Dachboden ein, der gleichzeitig Hughs Studio war und nach Ölfarben und verwesenden Mäusen roch. Er hatte einen rustikalen Spitzgiebel, aber keine Heizung, sodass es entweder zu kalt oder zu heiß war. Das Haus hatte nur ein Bad, eingezwängt zwischen Küche und unserem Schlafzimmer. Gäste mussten also auf die Privatsphäre verzichten, die man gelegentlich auf der Toilette braucht, sodass ich Hugh zweimal am Tag mit vor die Tür nahm und laut rief, als sei dies ganz normal: »Wir vertreten uns genau zwanzig Minuten lang die Beine. Braucht jemand irgendetwas vom Straßenrand?«
Ein anderes Problem in der Normandie war, dass unsere Gäste bloß im Haus herumsitzen konnten. In unserem Dorf gab es kein einziges Geschäft, und der Fußweg ins nächste Dorf war wenig angenehm. Was nicht heißen soll, dass unsere Besucher sich nicht amüsierten – man musste nur der richtige Typ dafür sein, ein Frischluftfanatiker mit genügend eigenem Antrieb. In West Sussex, wo wir zurzeit wohnen, ist es mit dem Besuch etwas leichter. Im Umkreis von fünfzehn Kilometern gibt es eine idyllische Kleinstadt mit einem Schloss und eine genauso malerische Stadt mit siebenunddreißig Antiquitätenläden. In den kalksteingesprenkelten Hügeln kann man wandern und Rad fahren. Mit dem Wagen sind es fünfzehn Minuten zum Strand, und der nächste Pub ist bequem zu Fuß zu erreichen.
Unsere Gäste reisen gewöhnlich von London mit dem Zug an, und bevor wir sie am Bahnhof abholen, erinnere ich Hugh daran, dass wir für die Dauer ihres Aufenthalts das perfekte Paar abgeben werden. Wenn ich am Küchentisch sitze und er hinter mir steht, muss er eine Hand auf meine Schulter legen, genau an der Stelle, wo ein Papagei säße, wenn ich statt des idealen Partners ein Pirat wäre. Wenn ich eine Geschichte erzähle, die er schon so oft gehört hat, dass er sie stumm mitsprechen könnte, muss er so tun, als höre er sie zum ersten Mal, und er muss mindestens so viel, wenn nicht gar noch mehr Begeisterung zeigen wie unsere Gäste. Für mich gilt das auch, und ich muss Entzücken heucheln, wenn er etwas kocht, das ich nicht ausstehen kann, zum Beispie