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Fünfzehn Minuten später kamen sie frisch duftend am Mercedes an. Walter hatte sich den Vollbart bis auf einen buschigen Schnauzbart abrasiert, Onkel Hassans Wollsakko angezogen und die Schiebermütze aufgesetzt und sah tatsächlich aus wie ein beliebiger Berliner Taxifahrer, wenn auch kein türkischer. Emine musterte ihn kritisch.
»Da müssen wir noch ein bisschen nachhelfen«, sagte sie, kramte ihr Schminkzeug hervor und verpasste dem zum Glück dunkelhaarigen Walter eine dunklere Gesichtsfarbe, dunklere Augenbrauen sowie Augenringe. Tatsächlich sah Walter jetzt etwas türkischer und deutlich älter aus.
»Mehr kann ich nicht machen«, sagte Emine. »Aber nachts sind alle Katzen grau, das wird schon klappen.«
Walter und Yilmaz nickten.
Walter versteckte noch schnell sein altes Fahrrad im Gebüsch hinter einem Schuppen.
»Meinst du, dass den Schrotthaufen jemand klaut?«, fragte Yilmaz.
»Nicht wirklich«, antwortete Walter, auch wenn er etwas beleidigt war, dass Yilmaz so über seinen widerspenstigen, aber doch verdienten Drahtesel sprach. »Aber wenn sie das hier stehen sehen, werden sie nach mir suchen.«
»Daran hatte ich nicht gedacht«, gab Yilmaz zu. »Am besten setzt Walter …, nein, Hassan, ab jetzt bist du Hassan! Hassan setzt sich nach hinten zu den Kindern, da ist es dunkler, und tut nachher so, als würde er schlafen. Alle hinten tun so.«
»Darf ich auch wirklich schlafen, und nicht nur so tun?«, fragte Selma. »Ich bin hundemüde!«
»Noch besser!«, erwiderte Yilmaz. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war inzwischen halb fünf Uhr morgens. Der Zwischenstopp hatte sie viele Stunden gekostet. Zum Glück hatte Walter nicht lange überredet werden müssen, und nach Hause wollte er auch nicht nochmal. Seltsamer Mensch, hatte der keine Familie, nichts, was er vermissen würde?
Alle stiegen ein. Emine setzte sich wieder ans Steuer. Yilmaz versuchte gar nicht erst zu widersprechen. Er nahm also einfach auf dem Beifahrersitz Platz, direkt hinter ihm Walter, in der Mitte saß Cem und Selma hinter ihrer Mutter.
Als sie losfuhren, warf Walter noch einen Blick zurück auf die Hühnerfarm. Sie war für ihn eine perfekte Zusammenfassung derDDR. Willenlose Einwohner, eingesperrt in einem viel zu engen Hochsicherheitsgefängnis, das zum Himmel stank. Er war froh, zumindest diese Miniatur-DDR schon mal hinter sich zu lassen. Abschließen konnte er damit aber noch lange nicht, denn Cem begann ihn zu löchern.
»Gibt es da viele Hühner?«, fragte er.
»Eine Million!«, bestätigte Walter. »Plusminus. Genau weiß das keiner. Die werden nicht gezählt, nur die Eier, die sie legen.«
»Eine Million?!«, staunte Cem. »Und du hast die alle gefüttert?«
Cem hatte offensichtlich trotz der unglaublichen Zahl immer noch die Hühnerhaltung seiner türkischen Verwandten vor Augen, die, soweit sie Platz hatten, jeweils zwischen drei und fünf Tiere im Garten hielten.
»Nein, ich habe nur aufgepasst, dass die keiner klaut. Gefüttert werden sie von der Futter